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Full text of "Anti-trendelenburg: Eine Gegenschrift"

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ANTI-TRENDELENBTJRG. 



Eine Gegenschrift 



VON 



KÜNO FISCHER. 



ZWXHTB AUFIiAOB. 



* y \ - w N.-- 



JENA. 

HERMANN DABIS 

OTTO DEISTUNG'S BUCHHANDLUNG. 

1870. 




F 




eoifiiu 



I. 

Yeranlassniig dieser Scbrift. 

Seit mehreren Jahren bin ich mit Herrn Professor 
Trendelenbnrg in Berlin in einen Streit verwickelt, den 
ich nicht begonnen, nicht gesucht und, als er mir auf- 
genöthigt war, nur ungern und mit Widerstreben auf- 
genommen habe. Eine Empfindung rein persönlicher Art, 
die mit wissenschaftlichen Streitfragen nichts zu thun hat^ 
überwog bei mir jeden Reiz der Polemik, und ich würde 
aus eigenem Antriebe niemals gegen ihn geschrieben haben. 
Selbst nachdem der Angriff von ihm ausgegangen war, habe 
ich mich schwer entschlossen und darum lange gezögert, 
ihn zu erwiedem. 

Ich rede nicht von dem Inhalt der Einwürfe, die Herr 
Trendelenburg zuerst in der neuen Auflage seiner logischen 
Untersuchungen gegen mich gerichtet hat, sondern davon, 
dass diese Einwürfe in einer Form auftrat^, die mich per- 
sönlich ebenso befremden als verletzen musste. In der 
zweiten Auflage meiner Logik habe ich darauf geantwortet 
mit aller Anerkennung und Hochachtung des Gegners, wo- 
für die Vorrede jenes Buchs Zeugniss ablegt, mit Unter- 
drückung des eigenen bitteren Gefühls, aber auch mit dem 
festen E^tschluss, in einem zweiten ähnlichen Fall dem 
Gegner bemerkbar zu machen, dass zu dem Ton, den er 
gegen mich für gut findet, er kein anderes Recht habe, als 
das der Anmassung. 

1 * 



Aus einem guten Grunde durfte ich hoffen, dass ein 
ähnlicher Fall nicht eintreten und der Gegner, wenn es ihm 
gefallen sollte, den wissenschaftlichen Streit fortzusetzen, in 
der Wahl seiner Ausdrücke und in der Abwägung seiner 
Urtheile etwas behutsamer verfahren werde. Diese Hoffnung 
hat mich getäuscht. Der III. Bd. 4er hist. Beitr. brachte 
einen gegen mich gerichteten Aufsatz, der meine Darstel- 
lung der kantischen Lehre von Raum und Zeit zur Ziel- 
scheibe nahm und mit dem Motto begann: „Wer bauet an 
^ der Strassen , der muss sich schelten lassen !" Hätte nun 
Herr Trendelenburg seine Erörterung auf die ihm fraghchen 
Punkte beschränkt und hier seine Auffassung Kant's der 
meinigen entgegengesetzt, wirklich in aller Ruhe und ledig- 
lich im Interesse der Sache, so hätte ich das nicht blos 
in der Ordnung, sondern dankenswerth gefunden, auch wenn 
ich ihm in keinem Punkte Recht geben konnte. Es wäre 
dann nicht nöthig gewesen. Ausdrücke, wie „ungereimt" 
und „widersinnig" g«gen mich zu brauchen; es wäre nicht 
nöthig gewesen, da, wo ihm meine Auffassung gewisser Punkte 
der kantischen Lehre bedenklich oder unrichtig schien, die 
Urkundlichkeit meiner Darstellung anzugreifen und am 
wenigsten durfte er diese Urkundlichkeit auch da verdäch- 
tigen, wo ihm nicht einmal der Schein eines Einwurfes zur 
Seite stand. Nun entdeckte ich, dass sämmtliche von ihm 
gemachten Einwürfe völlig nichtig und bei einer etwas ge- 
naueren Kenntniss der kantischen Lehre geradezu unmög- 
Uch waren. Um so mehr musste mir einleuchten, dass der 
ganze Aufsatz nichts übrig liess, als eine völUg grundlose 
Verdächtigung der wissenschaftlichen Urkundlichkeit meiner 
Arbeit, eine Verdächtigung, die dadurch nicht gemildert, 
sondern noch scheinbarer wurde, dass der Gegner eine Art 
Lob zum Schemel derselben gemacht hatte. Und da ich 
wohl wusste, wie gern dieser Gegner das Schweigen der von 



ihm Angegriffenen für deren Niederlage, sogar für das Ein- 
geständniss derselben ansieht, so hatte ich gegen mich und 
mein Werk die doppelte Pflicht, einer solchen Weise der 
Kritik nachdrücklich entgegenzutreten. Ich that es bei 
Gelegenheit der zweiten Auflage meines Kant, in der Vor- 
rede dieses Buchs und in einer Reihe von Anmerkungen, 
die sich auf die angegriffenen Stellen bezogen. 

Es hat nun Herrn Trendelenburg gefallen, dagegen eine 
Brochüre zu veröffentlichen mit dem Titel: „Kuno Fischer 
und sein Kant." Unter diesem Titel, der ohne Mühe das 
Urtheii vorwegnimmt, steht der Spruch: „veritas odium 
parit". Wenn eine polemische Schrift, noch bevor sie den 
Mund zur Erörterung der Sache öffnet, ein Motto zur Schau 
stellt, welches den Leser einzunehmen sucht, so darf man 
ein solches Verfahren wohl zu den Wortkünsten rechnen, 
die man gerechterweise verschmähen sollte. Mein Gegner 
liebt die Mottos und wählt sie so, dass er dabei nicht zu 
kurz kommt. Das Vorigemal sollte die Rolle des Bau- 
meisters wohl ihm gegönnt sein und mir die des Scheltenden. 
Diessmal steht auf seiner Seite die Wahrheit und auf der 
meinigen der Hass. Nun, es wird sich zeigen, wie weit der 
Inhalt der Schrift diese Etikette rechtfertigt , ich meine den 
Titel und sein Motto; es wird sich zeigen, ob diesen Titel 
die Wahrheit geschrieben hat oder der Hass? 

Ich habe bei dieser ganzen Polemik dem Gegner den 
Vortritt gelassen und seine Angriffe gelegentlich und an- 
merkungsweise in Büchern beantwortet, deren Inhalt mit 
den Streitpunkten zusammenhing. Die Form der Brochüre 
ändert den äusseren Schauplatz des Streites und verlegt 
ihn sozusagen auf den offenen Markt. Ich habe diesen 
Schauplatz nicht gesucht und betrete ihn ungern, obwohl 
ich ihn nicht scheue. Auch hier sollte der Gegner den 
Vortritt haben. Eine Brochüre von 40 Seiten ist beweg- 



6 

lieber, als ein Werk von zwei Bänden. Daher muss ich 
dem Gegner auf die von ihm gewählte Rennbahn folgen 
und nun auch meinerseits an die Stelle des Buchs die 
Streitschrift treten lassen, damit Licht und Luft gleich 
getheilt sind. 

Die „Entgegnung** des Herrn Trendelenburg soweit sie 
in sachliche Erörterungen eingeht, erneuert den Angriff 
der „Beiträge". Sie betrifft die kantische Lehre von Raum 
und Zeit, deren Darstellung in meinem Werke nicht urkund- 
lich sein soll, und zwar soll die Quelle meiner Irrthümer 
darin liegen, dass ich in Rücksicht der Gattungsbegriffe eine 
Lehre für kantisch ausgebe, die unkantisch ist. 

n. 

Eant's LeEre von den Gattungsbegriffen. 

Ich komme daher sogleich zu dem Hauptpunkte, von 
dem aus der Verfasser der Brochüre meine Darstellung 
Kant's aus den Angeln zu heben sucht. Er sagt (S. 13 ff.): 
„Kant beweist zunächst negativ: Raum und Zeit sind An- 
schauungen, weil sie nicht Begriffe sind. Kuno Fischer 
hingegen sagt nach seiner Auffassung Eant's: Raum und 
Zeit sind Anschauungen, weil sie keine Gattungsbegriffe 
sind. Durch diese Differenz kommt Unkantisches in die 
ganze Darstellung.'^ Und S. 17 wird eben dasselbe erklärt: 
„es handelt sich um eine Quelle von Irrthümern, denn in 
der ganzen Darstellung des Beweises geht von dieser Ver- 
wandlung des Begriffs in Gattungsbegriff alles Unkantische 
aus. Kuno Fischer hat keine Stelle beigebracht, aus welcher 
sich diese Abänderung des Begriffs in Gattungsbegriff auch 
nur von Feme rechtfertigt ; aber er beharrt auf ihr dessen 
ungeachtet.** 

Es ist also kein Zweifel, dass ich mich an der Stelle 



befinde, in welcher die Polemik selbst ihren Schwerpunkt 
sucht. Wir wollen sehen, wie schwer das Gewicht dieser 
Polemik ist. Nach Herrn Trendelenburg lehrt Kant, dass 
Begriflf und Gattungsbegriff verschieden sind ; nach mir lehrt 
Kant, dass sie identisch sind. 

1. 

Ich habe als Hauptstelle den Satz der Vernunftkritik 
angeführt: „man muss einen jeden Begriff als eine Vor- 
stellung denken, die in einer unendlichen Menge von ver- 
schiedenen möglichen Vorstellungen als ihr gemeinschaftliches 
Merkmal enthalten ist." Wie schafft sich der Gegner diese 
Stelle aus dem Wege? 

Was von jedem Begriffe gilt ohne Ausnahme, das gilt 
von allen, also auch von einigen ; es ist mithin kein Zweifel, 
dass in der obigen Stelle die Gattungsbegriffe eingeschlossen 
sind. Nach dem Verfasser der Brochure dagegen sind von 
dem obigen Satz die Gattungsbegriffe ausgeschlossen. 
Was Kant von allen Begriffen ohne Ausnahme sagt, das 
soll nach Kant ~- so lehrt Herr Trendelenburg — nicht 
von allen, sondern nur von einigen Begriffen gelten, näm- 
lich von den Begriffen, die nur Individuen, nicht Arten 
unter sich befassen: es gilt von den Begriffen mit Aus- 
nahme der Gattungsbegriffe! 

Herr Trendelenburg Mtte in jener kantischen Stelle 
sich die Möglichkeit offen erhalten können, dass nicht alle 
Begriffe Gattimgsbegriffe sind, und etwas der Art mag ihm 
vorgeschwebt haben. Aber er versteht die Stelle so, dass 
sie die Gattungsbegriffe ausschliesst, dass die letzteren über- 
haupt nicht zn den Begriffen gehören, von denen die Stelle 
redet, wonach also die Gattungsbegriffe keine Begriffe 
sein müssten, denn die Stelle redet von allen Begriffen 
ohne Ausnahme. 



Hier ist der Beweis dieser seiner Auslegung, die unter 
den Missverständnissen , die kantische Sätze erlebt haben, 
kaum ihres Gleichen findet. Die Brochüre sagt S. 18: 
„Kant's Ausdruck „„in einer unendlichen Menge von ver- 
schiedenen möglichen Vorstellungen" " , kann nur auf die 
unter den Begriff befassten Individuen gehen, nicht auf 
Arten, welche nicht als unendlich viele gedacht werden." 
„Wo mithin die unendlichen möglichen Vorstellungen, welche 
ein Begriff unter sich begreift, nur Individuen sind und keine 
Arten, da ist auch der Begriff kein Gattungsbegriff." 

Darf man fragen: 1) warum die Arten nicht als un- 
endlich viele gedacht werden dürfen? warum nicht un- 
endlich viele Arten sein können? Kant redet von einer 
unendlichen Menge verschiedener möglicher Vorstellungen ! 

2) warum dar Individuen unendlich viele sein müseen? 

3) warum Gattungsbegriffe nicht unendlich viele verschie- 
dene Individuen unter sich befassen dürfen, da diese doch 
unter Artbegriffe befasst werden, welche selbst unter die 
Gattungsbegriffe gehören? Ist nicht ein Merkmal seines 
Merkmals auch ein Merkmal des Dinges? 

Ich bemerke an dieser Stelle der Brochüre mehr als 
eine Verwirrung. Der Gegner sieht nicht, dass Kant von 
jedem Begriff ohne Ausnahme redet; er sieht nicht, dass 
jeder Gattungsbegriff mit den Arten zugleich Individuen 
unter sich begreift; er glaubt, dass nur solche Begriffe ge- 
meint sind, die nichts als Individuen unter sich haben. 

2. 

Die Begriffe, welche nur Individuen unter sich befassen, 
sind die untersten oder niedrigsten Arten. So nennt sie dieLogik. 

Zunächst constatire ich: dass der kantische Satz, wo- 
nach jeder Begriff als gemeinschaftliches Merkmal unend- 
lich vieler verschiedener Vorstellungen gedacht werden muss. 



von Herrn Trendelenburg so erklärt wird, das unter Jedem 
Begriff' nicht die Gattungsbegriffe, sondern blos die unter- 
sten Begriffe oder die niedrigsten Arten zu verstehen sind. 
Kant soll also gesagt haben: alle Begriife sind niedrigste 
Arten ! Ich constatire , dass diese Erklärung dem Sinn und 
Buchstaben des kantischen Satzes auf gleiche Weise und 
zwar so widerspricht, dass nichts übrig bleibt, das noch 
Sinn haben könnte. 

Wenn Kant in seiner Erklärung nicht die Gattungs- 
begriflfe, sondern blos die niedrigsten Arten gemeint hätte, 
so würde er selbstverständlich nicht gesagt haben „jeder 
Begriff' ; er müsste zweitens der Ansicht gewesen sein, dass 
es niedrigste Arten als logische Begriffe giebt, und drittens, 
dass diese niedrigsten Arten nicht Gattungsbegriffe sein können. 

Dass dieses in der That kantische Ansicht sei, be- 
hauptet Herr Trendelenburg nach seiner obigen Erklärung. 
Wir wollen sehen, ob er Recht hat. Da er Kant's Logik 
in's Treffen geführt hat, so habe ich das Recht, mich eben- 
falls auf dieses Buch zu berufen. In dem Abschnitt von 
den Begriffen lehrt die kantische Logik [§. 11]: 

1) „Die höchste Gattung ist die, welche keine Art ist, so 
wie die niedrigste Art die, welche keine Gattung ist. Dem 
Gesetze der Stetigkeit zufolge kann es indessen weder eine 
niedrigste noch eine nächste Art geben." Kant lehrt: 
es giebt, logisch genonmien, keine niedrigste Art. 

2) „Haben wir auch einen Begriff, den wir unmit- 
telbar auf Individuen anwenden, so können in Ansehung 
desselben doch noch specifische Unterschiede vorhanden 
sein, die wir entweder nicht bemerken oder die wir ausser 
Acht lassen. Nur comparativ für den Gebrauch 
giebt es niedrigste Begriffe, die gleichsam durch Convention 
diese Bedeutung erhalten haben, sofern man übereingekom- 
men ist, hierbei nicht tiefer zu gehen. In Absicht auf die 



10 

Bestimmung der Art- und Gattungsbegriffe gilt also folgen- 
des allgemeines Gesetz: es giebt ein Genus, das nicht 
mehr Species sein kann, aber es giebjt keine Spe- 
cies, die nicht wieder sollte Genus sein können." 
Kant lehrt also: es giebt keine Art, die nicht wieder Gat- 
tungsbegriff wäre; alle Arten sind Gattungen. 

Kant sagt in der Vemunf tkritik : „jeder Begriff ist 
ein gemeinschaftliches Merkmal unendlich vieler verschie- 
dener Vorstellungen." Nach Herrn Trendelenburg bezieht 
sich diese Erklärung nicht auf die Gattungsbegriffe, sondern 
blos auf die niedrigsten Arten. Diese Erklärung ist un- 
möglich: 1) weil die niedrigsten Arten nicht alle Begriffe 
sind , 2) weil es nach Kant keine niedrigsten Arten giebt, 
3) weil nach Kant jede Art wieder Gattung ist. 

Dass der kantische Satz die Gattungsbegriffe nicht aus- 
schliesst, wie Herr Trendelenburg will, ist selbstredend. Er 
schliesst die Gattungsbegriffe nicht blos ein, sondern es ist 
nicht zu sehen, welche anderen Begriffe als Gattungsbegriffe 
er noch einschliessen sollte. 

Jeder Begriff, der viele verschiedene Vorstellungen unter 
sich fasst oder als deren gemeinschaftliches Merkmal gedacht 
werden muss, ist (in Rücksicht dieser Vorstellungen) Gat- 
tungsbegriff. Diesen Satz lehrt die kantische Logik. Die 
Vemunftkritik sagt: „jeder Begriff ist als gemeinschaft- 
liches Merkmal vieler verschiedener Vorstellungen zu den- 
ken. Mithin gilt nach Kant jeder Begriff, logisch 
genommen, als Gattungsbegriff. 

Was nach Kant von jedem Begriff ohne Ausnahme 
gilt, soll nach dem Verfasser der Brochüre so gemeint sein, 
dass es von keinem Gattungsbegriffe gilt. Vielmehr soll 
Kant hier nur solche Begriffe gemeint haben, die nach der 
kantischen Logik — ebenfalls Gattungsbegriffe sind! 

Herr Trendelenburg schreibt seine Brochüre, um zu 



11 

verhindern , „dass künftig ünkantisches für kantisch gelte". 
„Kuno Fischer spricht mit imponirender Zuversicht und 
lässt alle Künste der Dialektik spielen, um Ünkantisches 
kantisch zu machen." (S, 4.) Hier sind „die . Künste 
meiner Dialektik", hier ist „meine imponirende Zuversicht". 
Wo Kant sagt: „jeder BegriflP' ohne Ausnahme, da ver- 
stehe ich darunter alle Begriflfe. Dagegen sorgt die Bro- 
chüre, das künftig unter , jedem Begriff" vielmehr „nicht 
jeder Begriff' verstanden werde. Das nennt sie den Gegen- 
beweis führen „an evidenten Punkten". (Vgl. unten X. 3.) 

m. 

Kaufs Lehre yon der Allj^emeinheit und Abstractioii 

der Be^iffe. 

1. 

Ich bin mit dem Gegner auf dem Gebiet der Gattungs- 
begriffe und lasse ihn hier seine zweite polemische Stellung 
einnehmen. 

Ich sage im Sinne Kants : „die Vorstellung des einzelnen 
Dinges ist Anschauung, die der Gattung ist Begriff." Dagegen 
erklärt Herr Trendelenburg in den „Beiträgen" und wiederholt 
in der Brochüre (S. 14): „diesen Ausdruck des Gattungs- 
begriffs lesen wir bei Kant in seinen Argumenten nicht." 

Hier ist die wörtliche Stelle aus dem Buche, welches 
er gegen mich anführt. Die kantische Logik beginnt so 
ihren Abschnitt von den Begriffen: alle Vorstellungen sind 
entweder Anschauungen oder Begriffe. Die Anschauung 
ist eine einzelne Vorstellung, der B^riff eine allgemeine 
oder reflectirte." „Der Begriff ist eine allgemeine Vor- 
stellung oder eine Vorstellung dessen, was mehreren Ob- 
jecten gemein ist, also eine Vorstellung, sofern sie in 
verschiedenen enthalten sein kann." (Logik. I. Ab- 
schnitt. Von den Begriffen §. 1.) 



12 

Begriff und allgemeiner Begriff sind nach Kant identisch; 
jeder Begriff ist allgemein oder gemeinsam. Diese Erklär- 
ung hält der Verfasser der Brochüre für unkantisch. Sie 
steht in der kantischen Logik an obiger Stelle: „es ist eine 
blosse Tautologie, von allgemeinen oder gemein- 
samen Begriffen zu reden." (§. 1 Anmerk. 2.) 

Jeder (allgemeine) Begriff ist und heisst bei Kant 
Gattungsbegriff. Herr Trendelenburg verneint es und sagt, 
diese Darstellung sei imkantisch. Hören wir also Kant 
selbst: „Gattungs- und Artbegriffe änd nicht ihrer Natur 
nach unterschieden; es kann keine niedrigste Art geben, es 
giebt eine Gattung, die nicht mehr Art sein kann, aber 
keine Art, die nicht' wieder sollte Gattung sein können." 
(Logik, Abschnitt von den Begriffen. §§. 10 und 11.) 

Ich ziehe die Summe : alle Vorstellungen , die nicht An- 
schauungen sind, nennt Kant Begriffe; alle Begriffe sind 
und heissen bei Kant allgemein (gemeinsam) oder Gattungs- 
begriffe. Diess sagt meine Darstellung in wörtlicher Ueber- 
einstimmung mit Kant. Diese Darstellung für unkantisch 
halten ist demnach ein Zeichen, wie eine Folge der eigenen 
Unkenntniss kantischer Lehre. 

2. 

Ich sage im Sinne Kant's: jeder Begriff ist Gattungs- 
begriff, jeder Gattungsbegriff ist abstrahirt von den Ob- 
jecten, deren gemeinschaftliches Merkmal er enthält. 

Herr Trendelenburg entgegnet in den Beiträgen und 
wiederholt in der Brochüre, diese Behauptung sei unkantisch. 
„Kant würde nie anerkennen, was doch als kantisch gegeben 
wird ; denn Kant weiss sehr wohl , dass es Gattungsbegriffe 
giebt, die nicht abstrahirt, nicht aus den gemeinschaftlichen 
Merkmalen der Dinge zusammengesetzt sind." (Br. S. 14 
und 20.) 



13 

Es ist die Rede von den Begriffen im Gegensätze zur 
Anschauung, von den Begriffen, logisch genommen, von der 
Form der Begriffe. 

„Kant würde nie anerkennen, dass alle Begriffe abstra- 
hirt sind. Kant weiss sehr wohl, dass es Gattungsbegriffe 
giebt, die nicht abstrahirt sind.** So lehrt Herr Trendelcnburg. 

Die kantische Logik lehrt: „der Ursprung der Begriffe 
der blossen Form nach beruht auf Reflexion und Abstraction 
von dem Unterschiede der Dinge." „Um aus Vorstellungen 
Begriffe zu machen, muss man compariren, reflectiren 
und abstrahiren können, denn diese dreilogischen 
Operationen des Verstandes sind die wesentlichen 
und allgemeinen Bedingungen zu Erzeugung eines 
jeden Begriffs überhaupt." (Logik, Abschn. von den 
Begriffen. §§. 5 und 6.) 

Kant erklärt: „jeder Begriff ist ein gemeinschaftliches 
Merkmal vieler verschiedener Vorstellungen, jeder Begriff 
ist Gattungsbegriff, jeder Gattungsbegriff wird abstrahirt." 

Herr Trendelenburg entgegnet : „Kant weiss sehr wohl, 
dass es Gattungsbegriffe giebt, die nicht abstrahirt, nicht 
aus gemeinschaftlichen Merkmalen zusammengesetzt sind." 

Hatte ich nun recht zu urtheilen: „was Kant weiss 
und sagt, und was Herr Trendelenburg ihn wissen lässt, 
verhält sich demnach genau, wie A und Nicht-A"? 

3. 

Also der Satz, dass alle Begriffe Gattungsbegriffe sind, 
steht fest auf kantischer Grundlage und mit kantischen 
Worten. Nachdem der Verfasser der Beiträge und der 
Brochüre die Hauptstellen so arg verkannt hat, wird er 
die vermissten „Nebenstellen", nachdem er sie kennen ge- 
lernt, vielleicht besser würdigen. 

Was er gegen diesen Satz noch einwenden kann^ geht 



14 

nicht mehr gegen meine Darstellung Kants, sondern muss 
sich gegen die kantische Lehre selbst richten. Er streitet 
aus" kantischen Gründen gegen den kantischen Satz. Viel- 
leicht also hat er zwar in meiner Darstellung nichts Un- 
kantisches auftreiben können, aber in der kantischen Lehre 
selbst einen Widerspruch gefunden. 

Er wendet gegen den kantischen Satz, der ihm un- 
kantisch vorkam, zweierlei ein: es giebt nach Kant Begriffe, 
die weder Gattungsbegriffe noch abstrahirt sind, nämlich 
die Kategorien; es giebt nach Kant Gattungsbegriffe, 
die nicht abstrahirt sind, nämlich die Grössenbegriffe. 

IV. 

Kant's Lehre von den Griisseiibegriflfen. 

1. 

Es giebt, sagt Herr Trendelenburg, Gattungsb^riffe, 
die nicht abstrcüiirt sind, z. B. der Begriff Parallelogramm, 
Kreis, die Zahl Vier, überhaupt Grössenbegriffe allgemeine 
mathematische Bestimmungen ; diese Begriffe entstehen nicht 
durch Zusammensetzung abgezogener Merkmale, sondern 
durch Construction. (Br. S. 18—20.) 

Was entsteht durch Construction? Der Gattungs- 
begriff Parallelogramm? Der Verfasser der Brochüre sagt 
S. 19: „Nun hat der Begriff Parallelogramm Arten; Quadrat, 
Rechteck, Rhombus, Rhomboid sind seine Arten; also 
ist das Parallelogramm ein Gattungsbegriff." Das Parallelo- 
gramm als Gattungsbegriff kann mithin sowohl Quadrat 
als Rechteck u. s. f. sein. Nun möchte ich wissen, wie 
dieser Gattungsbegriff conßtruirt wird! Jede Construction 
nach Kant ist Anschauung, jede Anschauung nach Kant ist 
eine einzelne Vorstellung. Das construirte Parallelogramm 
ist diese bestimmte Figur, die (nicht sowohl Quadrat als 



15 

Rediteck u. s. f. sein kann, sondern) entweder Quadrat 
oder Rechteck u. s. f. ist. Jetzt vergleiche ich die vier 
verschiedenen Parallelogramme, reflectire bloss auf ihre ge- 
meinschaftlichen Merkmale, abstrahire von der Beschaffen- 
heit der Winkel, von der Gleichheit oder Ungleichheit der 
angrenzenden Seiten und bilde so den Gattungsbegriff Paral- 
lelogramm. Denn, wie Kant wörtlich sagt „compariren, re- 
flectiren, abstrahiren, — diese drei logischen Operationen des 
Verstandes sind die wesentlichen und allgemeinen Be- 
dingungenzuErzeugung eines jedenBegriffs über- 
haupt". (Logik, Abschnitt von den Begriffen. §.6. Anmerk). 

Nimmt man das Parallelogramm als Construction , so 
ist es nicht Begriff, sondern Anschauung, einzelne Vorstel- 
lung ; nimmt man es als Gattungsbegriff , so ist es abstra- 
hirt, wie jeder andere Gattungsbegriff, wie jeder Begriff 
überhaupt. So wenig die einzelne Vorstellung jemals Gat- 
tungsbegriff sein kann , so wenig ist ein Gattungsbegriff je- 
mals zu construiren. Gonstruirte Gattungsbegriffe sind höl- 
zerne Eisen oder viereckige Zirkel, sie sind, was die ge- 
wöhnliche Logik „contradictio in adjecto" nennt. 

Alle Gattungsbegriffe sind abstrahirt: so lehrt Kant, 
so lasse ich ihn lehren. Wenn die Beiträge und die Bro- 
chüre dagegen die Grössenbegriffe einwenden, so trifft die- 
ser Einwand weder mich noch die kantische Lehre, denn 
die Gattungsbegriffe der Grössen sind ebenfalls ab- 
strahirt. (Vgl. unten XL 1 — 3.) 

2. 

Beiläu% bemerke ich, dass an dieser Stelle Herr Tren- 
delenburg nicht bloss mit kantischen Begriffen in eine üble 
Verwirrung gerathen ist, sondern mit seinen eigenen. Quadrat, 
Rechteck u. s. f. sind durchgängig bestimmte Parallelogramme, 
sie sind einzelne Vorstellungen, die nichts mehr unter sich 



16 

befassen. Der „Gattungsbegriff' Parallelogramm bezieht 
sich unmittelbar auf einzelne Vorstellungen; Begriffe, die 
sich auf einzelne Vorstellungen beziehen, sollten nach der 
Ansicht des Gegners nicht Gattungsbegriffe sein. Wie also 
kann er nach seiner Theorie das Parallelogramm „Gaittuiigs- 
begriff' nennen? Der Kreis soll nach dem Verfasser der 
Brochüre ein Gattungsbegriff sein ; also muss er Arten haben. 
Welches sind die Arten des Kreises? Die Brochüre sagt 
S. 19 : „es giebt Kreise von verschiedener Grösse des Radius"; 
es giebt also grosse und kleine Kreise, zahllose Kreise von 
verschiedener Grösse. Nun sagt dieselbe Brochüre (S. 18),: 
„wo mithin die unendlichen möglichen Vorstellungen, welche 
ein Begriff unter sich begreift, nur Individuen sind und keine 
Arten, da ist auch der Begriff kein Gattungsbegriff', „Arten 
können nicht als unendlich viele gedacht werden." Nun fasst 
der Begriff Kreis zahllos verschiedene Kreise unter sich, diese 
zahllosen Kreise sind keine Arten; der Begriff Kreis geht 
also auf unendlich viele einzelne Vorstellungen, er befindet 
sich mithin genau in dem Falle, in welchem nach Herrn 
Trendelenburg kein Gattungsbegriff sich befinden darf. Wie 
also kann er den Kreis einen „Gattungsbegriff' nennen? Wie 
kann er es nach seiner eigenen Theorie? Was auf Seite 18 
der Brochüre kein Gattungsbegriff sein kann, das ist auf 
Seite 19 ein Gattungsbegriff! 

3. 

Diese ganze Auseinandersetzung nöthigt mich noch zu 
einer persönlichen Erklärung. Grössengattungsbegriffe sind 
als Grössen construirt, als Gattungsbegriffe (von den 
Gonstructionen) abstrahirt. Wenn man diese beiden Beschaf- 
fenheiten nicht genau unterscheidet, so kann man sich leicht 
durch eine Zweideutigkeit irre machen lassen. Die Grössen- 
begriffe bieten eine günstige Gelegenheit zu einer sagenann- 



17 

ten Vexirfrage. Was von den Grössen gilt, wird auf die 
Grössen begriffe übertragen; so entsteht der Einwurf, den 
Herr Trendelenburg in seinen „Beiträgen" gemacht und jetzt 
in seiner Brochüre wiederholt hat: „es giebt Gattungsbegriffe, 
die nielit abstrahirt, sondern construirt sind, nämlich die 
Grössenbegriffe." Ich gestehe offen, dass ich diesen Ein- 
wurf, als ich ihn zuerst in den Beiträgen las, wirklich für 
eine Vexirfrage hielt, für eine List, die sich der Krieg auch 
in wissenschaftlichen Dingen zwar nicht erlauben sollte, aber 
mitunter erlaubt. Daher sagte ich in der betreffenden An- 
merkung meines Buchs: „wollen die Beiträge ihre Leser 
etwa hänseln?" Ich meinte nichts anderes als vexiren. Diesen 
Ausdruck hat der Verfasser der Brochüre als einen solchen 
empfunden, der ihn und den Leser verletze (S. 39). Da ich 
auch zu den Lesern gehört habe, so gehöre ich auch zu den 
Verletzten und mache dadurch wenigstens einigermassen gut, 
was ich verschuldet. Aber ich nehme den Ausdruck hier- 
mit zurück. Es war keine Vexirfrage. Jener Einwurf, dass 
es construirte Gattungsbegriffe gebe, war nicht verfänglich 
gemeint, sondern — ernsthaft! Nur berufe sich dieser 
Einwurf nicht auf Kant. 

Dabei bemerke ich so eben, dass mir der Verfasser auf 
derselben Seite (S. 39) auch „artige Versuche der Ironie" 
vorwirft, in welche er nicht eingehe. Er macht mir „Wort- 
gefechte" zum Vorwurf und sagt, dass er in keines dersel- 
ben eintrete (S. 41). Ich weiss nicht, worauf diese Vorwürfe 
zielen. Doch nennt mich der Verfasser der Brochüre bald 
seinen „gütigen", bald seinen „grossmüthigen Gegner". 
(S. 20, S. 31). Ich vermuthe, dass er es ironisch meint. • 
Da er nun in die „artigen Versuche der Ironie" nicht 
eingehen will, so weiss ich nicht, welcher Art diese ironi- 
schen Wendungen sein wollen. 



16 



V. 

Kant's Lebre von den Kategorien, logiseh genommen. 

1. 

Ich komme zum letzten Einwurf, der meiner ßarsteltnng 
der kantischea Lehre von den Gattungsbegriffen -gemacht 
wird, und summire kurz die vorhergehenden und widerlegten. 

Ich sage : jeder Begriff ist ein gemeinschaftliches Merk- 
mal vieler verschiedener Vorstellungen und darum Gattungs- 
begriff. Herr Trendelenburg entgegnet: nein! es giebt nach 
Kant Begriffe, die gemeinschaftliche Merkmale vieler ver- 
schiedener V(»*stellungen , aber nicht Gattungsbegriffe sind, 
nämlich die niedrigsten Arten. Kant lehrt : „es giebt keine 
niedrigste Art , es . giebt keine Art , die nicht wfeder sollte 
Gattung sein können'^ Der Einwurf, nichtig in sich, ist 
gescheitert an Kantus wörtlicher Erklärung. 

Ich sage : „alle Gattungsbegriffe sind abstrahirt.'' Herr 
Trendelenburg entgegnet: nein! nicht alle Gattungsbegriffe 
sind nach Kant abstrahirt, die Grössengattungsbegriffe sind 
construirt. Kant dagegen lehrt wörtlich: „compariren, re- 
flectiren und abstrahiren sind die wes^tlichen und allgemei- 
nen Bedingungen zur Erzeugung eines jeden Begri£b über- 
haupt". Unter diesen Bedingungen zur Erzeugung eines 
jeden Begriffs hat die Construction keine Stelle. Sie kann 
keine haben. Die Grössen als Gattungsbegriffe sind nicht 
construirt, sondern ebenfalls abstrahirt. 

Ich sage mit Kant: „alle Begriffe sind Gattungsbegriffe 
und als solche abstrahirt'^ Herr Trendelenburg entgegnet: 
nein! es giebt nach Kant Begriffe, die weder Gattungs- 
begriffe noch ab^rahirt sind, nämlich die Kategorien. 

Ich brauche nicht zu wiederi;^olen, dass der Schein die- 
ses Einwurfs nicht meine Darstellung Kants, die Kant nach 
dem Wortlaute wiedergiebt, sondern die kantische Lehre 



19 

von Am Gattangsb^riffen selbst treffen würde, wenn er 
überhaupt träfe. Für jeden Kenper der kantischen Lehre 
liegt die Sache einfach genug. Freilich sind die Kategorien 
ursprüngliche Begriffe, deren Function tm Verknüpfen be- 
stellt nM die dadurch Urtbeil und Erkenntni3s bewirken. 
Aber diese UrsprüngUchkeit und transscendentale Bedeutung 
der Kategorien wird doch in keiner Weise beeinträch- 
tigt, wenn sie, rein logisch betrachtet (d. h. abgesehen von 
ihrem Inhalt und ihrer Bedeutung für die Erkenntniss), als 
Gattungsbegriffe gelten müssen, die, wie alle Gattungsbegriffe, 
durch Vergleichung , Reflexion und. Abstraction gebildet wer- 
den. Der Verfasser der Brochüre sagt: was Art^ unter 
sich befasst, ist Gattungsbegriff. Nun gut! Der Begriff 
Ursache ist eine Kategorie, sogar die wichtigste vop allen. 
Der Begriff Ursache befasst Arten unter sich, es giebt me- 
chanische und moralische Ursachen. Ist also diese Kate- 
gorie kein Gattungsbegriff? Wenn ich mechanische und i^ora- 
lische Ursachen vergleiche, auf ihr gemeinsdiaftUches Merk- 
mal reflectire, (Ueses abstriah^re, so habe ich den allgemei- 
nen Begriff Ursache. Was ist dabei Auffallendes oder g^,r 
Widersprechendes? Ich abstrahire etwas von einer gege- 
benen VorsteHung ; ich könnte dieses IStwas nicht abstra- 
hiren, wenn es nicht in der gegebenen Vorstellung ent- 
hatten wäre. Wenn ich nun von einer gegebenen Vorstel- 
lung nkht mehr abstrahiren kann, so ist klar, dass diese 
gegeb^oe Vorstellung zugleich dine ursprüngliche und noth- 
w^dige Vorstellung ist. So verhält es sich mit den Kat- 
egorien. 

Es i^ ein Unterschied, ob man (}ie Begriffe kritisch 
untersucht, d. b. in Bücksicht auf die Erkenntniss und ihren 
Inhalt, oder ob man sie blos. logisch betrachtet , d. h. blos 
von Seiten ihrer Form. Wen» nach dem Unterschiede zwischen 

Ansdiauung und Begriff gefragt wird, so handelt es sich 

2* 



20 

nicht um diese oder jene Begriffe, sondern um die Begriffe 
als solche, um das, was den Begriff zum Begriff macht, d. h. 
um die blosse Form der Begriffe. 

Nun handelt es sich um diesen Unterschied in der 
kantischen Lehre von Raum und Zeit. Daher kommen hier 
die Begriffe in Betracht lediglich in Rücksicht •ihrär Form 
oder blos logisch genommen. 

2. 

Wenn ich ngch eines Beweises bedürfte, wie fremd Herr 
Trendelenburg in den Untersuchungen der kantischen Kritik 
ist und wie wenig er den Zusammenhang dieser Unter- 
suchungen einsieht, so würde ich auf die Stelle seiner Bro- 
chüre hinweisen, worin wörtlich gesagt wird, in ,der Lehre 
von Raum und Zeit sei „Kants wesentliche Absicht ge- 
wesen, die Anschauungen des Raumes und der Zeit von den 
, Kategorien, den Stammbegriffen des Verstandes, zu schei- 
den" (S. 24, 25.) 

An einer Stelle, wo von den Kategorien noch nicht die 
Rede ist und sein darf, soll Kant's „wesentliche Absicht" 
gewesen sein, Raum und Zeit von den Kategorien zu scheiden? 
An einer Stelle, wo alles darauf ankam, zu bey^eisen, dass 
Raum und Zeit überhaupt keine Begriffe sind, soll Kant's 
„wesentliche Absicht" gewesen sein, darzuthun, dass Raum 
und Zeit nur gewisse Begriffe nicht sind? Und das sagt 
Herr Trendelenburg unmittelbar nachdem er erklärt hat: 
„es wäre zu wenig bewiesen, wenn Kant nur bewiesen hätte, 
dass Raum und Zeit keine Gattungsbegriffe sind, denn was 
zu beweisen, wäre von den Begriffen nicht bewiesen, welche 
keine Gattungsbegriffe sind. Es entstünde also eine gefähr- 
liche Lücke im Beweise." (S. 24.) 

Alle Begriffe, logisch genommen, sind nach Kant Gattungs- 
begriffe, auch die Kategorien. Die Lücke entsteht also nicht. 



21 

Dagegen nicht alle BegriflFe, logisch genommen, sind 
abstracteste BegriflFe oder Kategorien. Hätte also Kant 
Raum und Zeit nur von den Kategorien unterscheiden wollen, 
so entstünde nicht bloss eine Lücke, sondern jenes grosse 
Loch, in welches mit der Lehre von Raum und Zeit die 
ganzp kantische Philosophie hineinfallen würde. 

Ich bitte den Leser, die Brochüre an dieser merk- 
würdigen Stelle noch einen Schritt weiter zu verfolgen. Es 
heisst (S. 25) : „in Kant's Beweise kann man statt „ „Begriflf" " 
die Art des Begriffs : Stammbegriflf des Verstandes einsetzen, 
und es passt." 

„Jeder BegriflP', gagt Kant, „ist als eine Vorstellung 
zu denken, die in einer unendlichen Menge von verschiedenen 
möglichen Vorstellungen als ihr gemeinschaftliches Merkmal 
enthalten ist, mithin diese unter sich enthält, aber kein 
Begriff, als ein solcher, kann so gedacht werden, als ob er 
eine unendliche Menge von Vorstellungen in sich enthielte." 

Von dieser-Stelle, wo das Wort „jeder Begriff " steht, 
hatte die Brochüre S. 18 die Gattungsbegriffe vertrieben 
und keine anderen Begriffe dulden wollen, als die niedrigsten 
Arten. Und an dieselbe Stelle, wo eben noch die niedrig- 
sten Arten allein Platz finden durften, setzt sie jetzt (S. 25) 
— die allgemeinsten aller Begriffe, die Stammbegriffe des 
•Verstandes — „und es passt!" Wenn nur nicht die 
niedrigsten Arten, deren so viele sind und die noch dazu 
(nach S. 18) den ersten Anspruch auf den Platz „jedes 

■V, 

Begriffs" haben, mit den Kategorien, deren so wenige sind, 
am Ende in Streit gerathen und die letzteren vom Platze 
verdrängen ! Kant braucht den Streit nicht zu fürchten, denn 
nach ihm sind alle Arten, so wie die Kategorien, logisch ge- 
nommen, Gattungsbegriffe, und beide können sich daher an 
der obigen Stelle friedlich vertragen. Aber ich sehe nicht, 
wie die Brochüre aus dem Wirrwarr herauskommen will, 



i2 

den sie angerichtet. Sie lasst die Kategorien nicht als 
Gattungsbegriffe gelten und behandelt sie doch auf gleichem 
Fuss mit den niedrigsten Arten. Freilich gelten ihr die 
letzteren auch nicht als Gattungen, und es könnte fast 
scheinen, dass bei der Annahihe, das weder die niedrigsten 
Arten noch die Kategorien Gattungsbegriffe sin^ ^in posi- 
tiver Schluss in der zweiten Figur droht. 

Der Beweis aber, der nach Herrn Trendelenburg Kant's 
„wesentliche Absicht" in seiner Lehre von Baum und Zeit 
war, „würde nackt ausgedrückt etwa (?) so lauten: „kein 
Stammbegriff des Verstandes enthält eine unendliche Menge 
von Vorstellungen in sich (als Inhalt); die Vorstellungen 
von Raum und Zeit enthalten eine unendliche Menge von 
Vorstellungen in sich, also sind Raum und Zeit keine Stamm- 
begriffe des Verstandes." (S. 25.) 

Diess also wäre der Kern von Kantus transsc. Aesthetik, 
die nach diesem Schlüsse 1) die Möglichkeit offen lassen 
würde, dass Raum und Zeit Begriffe sind-, denn nicht alle 
Begriffe sind Kategorien^ und 2) die Lehre von den Stamm- 
begriffen des Verstandes voraussetzen mtisste, während sie 
selbst dieser Lehre, nämlich der transsc. Logik, in der Kritik 
der reinen Vernunft vorausgeht. Und diese ümkehrung der 
ganzen Vemunftkritik soll in dem ersten Theile derselben 
Kant's „wesentliche Absicht" gewesen sein? 

In der kantischen Lehre von Raum und Zeit ist von 
den Kategorien als solchen nirgends die Rede, sondern von 
den Begriffen überhaupt. Unter diese fallen auch die Kate- 
gorien; sie sind, logisch genommen, allgemeine oder ab- 
stracto Begriffe, wie alle übrigen. Genau so beurtheilt und 
behandelt sie Kant in seiner Logik. Hier ist die bezüg- 
liche Stelle. „Die allgemeine Logik hat nicht die Quelle 
der Begriffe zu untersuchen, nicht wie B^riffe als Vor- 
stellungen entspringen, sondern lediglich wie gege- 



23 

bene Vorstellungen im Denken zuBegriffen werden; 
diese Begriffe mögen übrigeu3 etwas enthalten, was von der 
Erfahrung hergenommen ist, oder auch etwas Erdichtetes, 
oder von der Natur des Verstandes Entlehntes. 
Dieser logische Ursprung der B^riffe, der Ursprung ihrer 
blossen Foi^ nach, besteht in der Reflexion, wodurch eine 
mehrerefi ^Objecten gemeinsame Vorstellung entsteht, als 
diejenige Form, die zur Urtheilskraft erfordert wird. Also 
wird in der Logik bloss der Unterschied der Reflexion 
an den Begriffen betrachtet. Der Ursprung der Begriffe in 
Ansehung ihrer Materie, nach welcher ein Begriff entweder 
empirisch oder willkürlich oder intellectuell ist, wird 
in der Methaphysik erwogen.*^ (Logik , Abschnitt von den 
Begriffen §. 5.) 

Bedarf es noch eines Beispieles, dass Kant in seiner 
Logik Kategorien als abstracteste Begriffe betrachtet, so 
lese man folgenden Satz: „der abstracteste Begriff ist 
der, welcher mit keinem von ihm verschiedenen etwas ge- 
mein hat. Dieses ist der Begriff von Etwas.* (Abschn. 
von den Begriffen §. 6.) 

VI. 

SämmtUche Einwürfe des Herrn Trendelesbnrg und die 

Art seiner Widerlegung, 

Ich ziehe die Summe. Alle Versuche, welche der Ver- 
fasser der Brochüre gemacht hat, um den kantischen Satz: 
„alle Begriffe sind, logisch genommen, Gattungsbegriffe, 
durch Beflexion und Abstraction, nie durch Construction 
gebildet,^' für unkantisch zu erklären, sind vollkommen ge- 
scheitert. Sie sind gescheitert an den wörtlichen Erklä- 
rungen Kants, an den Erklärungen des Buches, mit welchem 
der Gegner zu triumphiren meinte, an lauter Sätzen der 
kantischen Logik. 



24 

Er hat nacheinander versucht die niedrigsten Art- 
begriffe, die Grössenbegriffe, die Kategorien. Diese Instanzen 
sind sämmtlich nichtig, sie sind ebenso unlogisch als sie 
unkantisch sind. 

Wo Kant sagt: „alle Begriffe ohne Ausnahme sind 
gemeinschaftliche Merkmale einer unendlichen Menge ver- 
schiedener möglicher Vorstellungen", da sollten nach Herrn 
Trendelenburg zuerst nur .die Gattungsbegriffe nicht, son- 
dern bloss die niedrigsten Arten, dann vor allem die Kat- 
egorien d. h. die allergemeinsten Begriffe gemeint sein. 

Diese Auslegung nennt Herr Trendelenburg seine Wider- 
legung und sagt von meiner Darstellung der kantischen 
Lehre von Raum und Zeit wörtlich: „in der ganzen Dar- 
stellung geht von dieser Verwandlung des Begriffs in Gat- 
tungsbegriff alles Unkantische aus. Kuno Fischer hat 
keine Stelle Kant's beigebracht, aus welcher sich diese Ab- 
änderung des Begriffs in Gattungsbegriff auch nur von 
Ferne rechtfertigte, aber er beharrt auf ihr dessen un- 
geachtet." S. 17.) 

Von dem kantischen Satz, dass alle Begriffe, logisch 
genommen, Gattungsbegriffe sind, sagt die Brochüre wört- 
lich: „der Nachweis fehlt, aber Kuno Fischer beharrt auf 
dem Satze dessen ungeachtet". (S. 18.) „Dies sind die 
Folgen von der BeharrUchkeit im Irrthum. Kuno Fischer, 
obgleich an das Unkantische seiner Vorstellungen erinnert, 
legte sie von neuem als kantisch auf." (S. 25.) 

Und nachdem Herr Trendelenburg auf solche Weise 
meine Darstellung der kantischen Lehre als unkantisch ent- 
larvt hat, erhebt er sich S. 34 zu folgendem Ausruf: „die 
deutsche Kritik mag nun das Uebrige thun! Wenn sie ihr 
Auge durch Glänzendes blenden liesse, so folgte sie nicht 
dem unbestechlichen Blicke Kant's u. s. f." 

Das klingt ja fast, wie der Schluss einer Tragödie: 



25 

„Cardinal! ich habe das Meinige gethan, thun Sie das Ihre.^ 
Nun wir wollen den Grossinquisitor erwarten und zusehen, 
ob er „das Uebrige" thun wird so, wie Herr Trendelenburg 
das Erste gethan hat. 

Unterdessen will ich etwas Uebriges thun. Denn, da 
der Verfasser der Brochüre selbst erklärt hat, dass von der 
Verwandläng des Begriffs in Gattungsbegriff alles Unkanti- 
sche in meiner Darstellung ausgeht, so hätte iph eigentlich 
nichts mehr zu thun, ^ als ihn zu lassen. Aber ich höre die 
Brochüre förmUch schwirren von einer „quatemio terminorum", 
und ich bin auf diese Entdeckung, über welche der Gegner 
nicht genug triumphiren kann, in der That neugieriger, als 
ich nach den eben gemachten Erfahrungen sein sollte. 

VII. 

Die „Qnaternio tenninorum^^^ des Herrn Trendelenbnrg. 

1. 

Die kantische Lehre, dass Raum und Zeit nicht Begriffe 
sind, sondern Anschauungen, habe ich in folgendem Schlüsse 
dargestellt: „Baum und Zeit wären Gattungsbegriffe, wenn 
sie Theilvorstellungen wären, Merkmale von Räumen 
und Zeiten. Aber es ist umgekehrt, sie sind nicht Theil- 
vorstellungen, sondern das Ganze. Hier ist der Nenner 
immer grösser als der Zähler, der Raum enthält alle Räume, 
die Zeit enthält alle Zeiten in sich; sie sind nicht Theil- 
vorstellungen, also nicht Gattungsbegriffe**. 

Hören wir den Gegner. Er sagt (S. 16): „in Kant 
habe ich dies Argument nicht gefunden und ich vermisse 
das Gitat; ich halte es auch darum nicht für kantisch, weil 
es, formal geprüft, den Fehler einer quaternio terminorum 
enthält. Der Schluss, nackt ausgedrückt, lautet so: alle 
Merkmale sind Theile, aber der Raum ist das Ganze (kein 



26 

Theil), also istder Raum kein Merkmal, und inmefem 
nach der obigen Annahme jedes Merkmal Gattungsbegriff 
ist, der Raum kein Gattungsbegriff. In diesem Schlüsse spielt, 
abgesehen von allen anderen Schwierigkeiten, in Theil und 
Ganzem eine Doppelhdt des Begriffs, eine Homonymie; denn 
das Merkmal ist ein Theil eines Begri£k , also ein Theil, 
logisch genommen, in Gedanken aufgefasst ; aber der Raum 
ist das Ganze sinnlich genommen. Durch diesen Doppelsinn 
reisst das Band, das der Schluss im Mittelbegriff, dem Be- 
griff Theil, zu knüpfen dachte, entzwei." 

Was hier S. 16 gesagt worden, wiederholt sich dann 
SS.' 17, 23, 24, 25, 26, 27, 28 u. s. f. Wenn etwas dadurch 
wahr wird, dass man es sehr oft sagt, so ist die quatemio 
des Herrn Trendelenburg mehr als bewiesen. 

2. 

Vor allem aber bemerke ich, was dem oberflächlichen 
Leser leicht entgehen kann, dass der Verfasser der Brochüre, 
als er meinen Schluss „nackt** auszog, ihm nicht bloss die 
Kleider, sondern auch etwas von der Haut mit abgerissen 
hat. Wo ich stets „Theilvorstellung* sage, da sagt 
er „Theil". Und nun soll ich gesagt haben: alle Theile 
sind Merkmale. Alle Theilvorstellungen sind Merkmale, 
nicht ebenso alle Theile. Unter einer Theilvorstellung 
versteht die Logik einen Theil von dem Begriffsinhalt einer 
Vorstellung. Dieser Begriffsinhalt ist eine Summe von 
Merkmalen ; die Anschauung oder Einzelvorstellung vereinigt 
alle Merkmale in sich; wird nun ein oder das andere 
Merkmal davon abgesondert und für sich vorgestellt, so 
wird von dem Inbegriff der Merkmale ein Theil vorgestellt. 
Eben dies nennt die Logik Theilvorstellung. Daher jedes 
gemeinschaftliche Merkmal verschiedener Vorstellungen, d. h. 
jeder Gattungsbegriff, eine Theilvorstellung ist« So ist der 




27 

Begriff Mensch das gemeinschaftliche Merkmal aller mensch- 
lichen Individuen, und da jeder einzelne Mensch viele Merk- 
male besitzt, worin er sich von allen übrigen unterscheidet, 
so ist jenes gemeinschaftliche Merkmal nur ein Theil seiner 
Merkmale, d. h. es ist, verglichen mit der Vorstellung des 
einzelnen Individuums, eine Theilvorstellung. Dagegen ist 
nicht jeder Theil ein Merkmal. So ist die Stunde ein Theil 
des Tages, das Dreieck ein Theil des Vierecks, aber nie- 
mand wird sagen, dass die Stunde ein Merkmal des Tages, 
oder das Dreieck ein Merkmal des Vierecks sei. 

Ich fordere daher die abgerissene Haut zurück und 
bitte, dass, wo ich „Theilvorstellung" gesagt habe, 
nicht dem Gegner freistehe „Theil* zu sagen. In dem 
Worte „Theilvorstellung" steckt keine Doppelheit; sie steckt 
scheinbar in dem Worte „Theil". Das Wort Theil kann 
Merkmal und extensive Grösse bedeuten; das Wort Theü- 
vorstellung bedeutet nach dem Sprachgebrauch der formalen 
Logik nur Merkmal. 

3. 

Wenn der Verfasser der Beiträge und der Brochüre 
mein Beispiel von Cäsar und Mensch, die Stelle, wo ich es 
brauche, und den Zweck, zu dem es dient, mit einiger Ruhe 
erwogen hätte, so würde er sich nicht erlaubt haben, statt 
„Theilvorstellung" in der einfachen Bedeutung, des Worts 
„Theil" in dem Schein einer doppelten Bedeutung zu setzen. 
Denn ich nehme zu seinen Gunsten an, dass er bei dieser 
Vertauschung nicht wusste, was er that. 

Jenes Beispiel nämlich erläutert keineswegs einen spe- 
cifisch kantischen Satz, sondern einen Satz, den Kant mit 
der gesammten formalen Logik gemein hat: dass 
die Begriffe, je mehr sie an Umfang zunehmen, um so mehr 
an Inhalt verlieren; dass jeder Begriff ärmer ist als die 



28 



r 



Einzelvorstellung oder Anschauung, wovon er als Merkmal 
abgesondert oder abstrahirt worden. Mit diesem Satz und 
mit jenem Beispiel befinden wir uns noch gar nicht auf 
Kant's eigenthümlichem Gebiet, sondern auf dem weiten der 
formalen Begriffslehre. Hier also ist und kann von „kantisch" 
und „unkantisch" noch gar nicht die Rede sein, denn es 
handelt sich um einen Satz, den Kant nicht vor der for- 
malen Logik voraus, sondern mit ihr gemein hat: um die 
Lehre von dem logischen Umfang imd Inhalt der Begriffe 
und dem Verhältnisse beider. (Kants Logik. I. Abschn. §. 7). 
Wenn ich die Eigenschaften oder Merkmale zähle, die das 
Individuum Cäsar auszeichnen, und dann die Vorstellung 
Cäsar unter den allgemeinen Begriff Mensch fasse : wie viel 
enthält dieses Individuum mehr in sich als jene Merkmale, 
die er mit dem letzten seiner Gattung gemein hat! Die 
Logik, auch die kantische, redet von einer Summe von Merk- 
malen, von mehr und weniger Merkmalen u. s. f. Wo 
von einer „Summe", von „mehr oder weniger" die Rede ist, 
da darf auch der Ausdruck Zahl und Zähler gebraucht 
werden. 

Die Vorstellung also, mit der jenes Beispiel zu thun 
hat, ist weder specifisch kantisch noch weniger unkantisch, 
sondern gehört unter die Sätze der gewöhnlichen Logik und 
gilt, seitdem man von einer Eintheilung der Begriffe redet. 
Wie durfte nun Herr Trendelenburg sagen, was er einige- 
mal wiederholt, dass ich hier eine unkantische Vorstellung 
für kantisch ausgebe? Wie durfte er sagen, was er einige- 
mal wiederholt, dass ich dieses Spiel treibe mit einer „e In- 
ges t andener massen unkantischen Vorstellung?" (S. 23, 
36). Wo habe ich ein solches unmögliches Geständniss ge- 
macht? „Kuno Fischer," heisst es 5. 21, „sagt nicht gerade 
aus: der Gedanke steht in Kant nicht, aber er sagt es auf 
Umwegen." Nun bemerke der Leser, wie mein Gegner „auf 



29 

Umwegen" Geständnisse herausbringt. Ich sage: ich habe 
mir erlaubt, die Gattung beispielsweise einmal mit dem 
Worte „Nenner" zu bezeichnen. Hier ist das Geständniss! 
ruft der Gegner. Er sagt, er habe sich erlaubt! Er hat 
also gestanden, dass die Vorstellung unkantisch ist. (S.21,23.) 

Die Vorstellung, um die es sich in dem Beispiele allein 
handelt, bezieht sich auf Inhalt und Umfang der Begriffe, 
auf das umgekehrte Verhältniss beider. Die kantische Logik 
lehrt: „Inhalt pnd Umfang eines Begriffe stehen gegen ein- 
ander in umgekehrtem Verhältnisse. Je mehr nämlich ein 
Begriff unter sich enthält, desto^ weniger enthält er in 
sich und umgekehrt." So verhalten sich beispielsweise 
Mensch und Cäsar. 

Wo also ist die unkantische Vorstellung? Wie sollte 
ich eingestanden haben können, dass sie unkantisch sei? 
Ich habe mir erlaubt, den kantischen Satz selbst zu citiren. 
Hört! ruft der Gegner, er hat sich erlaubt! Er hat also 
eingestanden, dass der Satz nicht in Kant steht! 

Die speclfisch kantische Lehre, ich meine seine neue 
Lehre, liegt nicht in dem Satz, dass alle Begriffe Gattungs- 
begriffe , gemeinschaftliche Merkmale , Theilvorstellungen 
sind, sondern sie beginnt mit der Einsicht, dass eben des- 
halb Raum und Zeit keine Begriffe sind, sondern An- 
schauungen. 

Der Mittelbegriff in diesem Schluss ist „Theilvorstel- 
lung." Sehen wir zu, ob dieser Schluss mit dem Sinn und 
Wortlaut Kant's übereinstim^nt? Herr Trendelenburg sagt 
nein, ich sage ja. 

4. 

Mein Schluss lautet: alle Gattungsbegriffe sind Theil- 
vorstellungen oder gemeinschaftliche Merkmale; Raum und 
Zeit sind keine Theilvorstellungen oder Merkmale, also 



30 

«nd sie nicht Gattungsbegriffe, also iU)erhaapt keine Be- 
griffe, logisch genwimen. 

Der Verfasser der Brochüre bemerkt S. 24: „an die 
Stelle des Begriffs bei Kant setzt Euno Fischer willkürlich 
Gattungsbegriff. Wir fragen, ob das eine unschuldige Ver- 
tanschnng ist?' 

Also der Gegner hält es für unkantisch, daßs statt 
„Begriff" gesagt werde „Gattungshegriff" od^ „allgemeiner 
(gemdnsamer) Begriff"; er hält es fUr unkantisch, diese 
beiden Bestimmungen für tautologisch zu nehmen. Nun er- 
kErt Kant in seiner Logik wörtlich: „es ist eine blosse 
Tautologie, von allgemeinen oder gi^neinsamen Begriffen 
zu reden". (I. Abschn. §. 1 Anm. 2.) Herr Trendelenburg 
erklärt demnach für unkantisch, was Kant wörtlich gesagt 
hat. Eben darin besteht unsere Differenz : dass ich kantische 
Sätze für kantisch, er aber für unkantisch hält. 

Wenn Rai^m und Zeit kdne Gattungsbegriffe sind, so 
sind sie, logisch gencKOfunen, überhaupt keine Begriffe: dieser 
Satz ist in alle Wege kantisch. Sie sind keine Gattungs- 
b^riffe, weil sie keine Theüvorstellungen sind. Wie ver- 
hält es sich mit der kantischen Geltung dieses Mittelbegriffs? 

5. 

Doch lassen wir den Verfasser der Brochüre auch noch 
seinen zweiten Einwurf, gegen denselben Punkt gerichtet, 
vorbringen. Es heisst S. 25: „Kuno Fischer sagt von dem 
Baum und der Zeiit, um den Gegensatz gegen die Merkmale 
des Begriffs, die Theüvorstellungen sind, zu gewinnen : „ „der 
Baum und die Zeit sind nicht Theilvorstellungen , sondern 
das Ganze."" „Es ist misslich," so fährt der Gegner 
fort, „den unendlidien Baum, die un^dliche Zeit das Ganze 
zu nennen, da sich uns mit einem Ganzen die Vorstellung 
des Umgrenzten verknüpft. Kant wenigstens thut es in 



31 

jener vermeintlichen Bel^stelle nicht/ In Kant's Beweis 
ist das Unendliche, Uneingeschränkte der Grund der Er- 
kenntniss, in Euno Fischers Wied^gabe das Yarhältniss des 
Ganzen zum Theil. Was kann verschiedener sein? Hieraus 
folgt, dass die mir vorgehaltene Belegstelle ungefähr 
das Gegen theil dessen belegt, was sie belegen soll. So 
leicht nimmt es Boein Gegner mit deh geforderten Nach- 
weisen der Urkundlichkeit, mit den bespöttelten Citaten. 
Oder hofft er auf Leser seines Eant, die 4ie Vorstellung 
unendlich und die Vijrstellung Ganzes und Theil nicht 
untersdjeiden können?" (S. 26 ff.) 

Herr Trendelenburg liebt den Appel an die Leser. Je 
besorgter er um die Leser ist und je unbesorgte er mich 
erscheinen lässt, um so eher ndgt sich der Leser auf seine 
Seite. Aber er sollte dann den gunstigen Leser nicht in 
eine solche Verl^enheit bringen, wie er in der obigen Stelle 
gethan hat. Wo Eant „das Unendliche, Uneingeschränkte^^ 
gesagt hat, da habe ich gesagt „das Ganze^^ Dies findet 
Herr Trendelenburg e^ „misslich^S &lso doch möglich; 
gleich darauf aber gilt ihm mein Ausdruck für „das Gegen- 
theiP^ des kantischen, also für vollkommen unmöglich; doch 
neini er sagt nicht, dass er das Gegentheil sei, sondern er 
sei — „ungefähr das Gegentheil." Was soll nun der wohl- 
geneigte Leser thun? Er ist gewiss zu jeder gefalligen An- 
nahme bereit, aber was soll e thun? Soll er meinen Aus- 
druck für „misslich" oder für „unmöglich" oder für „uur 
gefähr unmöglich" halten ? Wenn ich den Gegner parodiren 
wollte, so würde ich fragen: „hofft er denn auf Leser, die 
A und Nicht -A und ungefähr Nicht-A fiir ein und dasselbe 
halten ? 

Mein Beweis lautet: Baum und Zeit sind, was kein 
Begriff ist: das Ganze; also sind Raum und Zeit keine 
B^riSe. Die Begriffe sind, was Baum und Zeit nie sind: 



32 

„Theilyorstellungen^^; also sind Raum und Zeit keine 
Begriffe. 

Dieser Beweis, sage ich, ist genau der kantische. 

6. 

Hier ist die Belegstelle aus der Kritik der reinen Vor- 
nunft : „der Raum wird als eine unendliche gegebene Grösse 
vorgestellt. Nun muss man zwar einen jeden Begriff als 
eine Vorstellung denken, die in einer unendlichen Menge 
von verschiedenen möglichen Vorstellungen als ihr gemein- 
schaftliches Merkmal enthalten ist, mithin diese unty sich 
enthält, aber kein Begriff, als ein solcher, kann so gedacht 
werden, als ob er eine unendliche Menge von Vorstellungen 
in sich enthielte. Gleichwohl wird der Raum so gedacht, 
denn alle Theile des Raums ins Unendliche sind zugleich. 
Also ist die ursprüngliche Vorstellung vom Raum Anschauung 
a priori und nicht Begriff." (Transsc. Aesth. §.2. Nr. 4.) 
1) Kant sagt: der Raum wird vorgestellt „als eine un- 
endliche gegebene Grösse"; der Raum wird so gedacht, 
dass er „eine unendliche Menge von Vorstellungen in sich 
enthält"; „alle Theile des Raumes sind ins Unendliche 
zugleich". Etwas, das alle Theile zugleich oder als gegebene 
in sich begreift, ist ein Ganzes und lässt sich mit keinem 
andern Worte bezeichnen. Wenn eine unendliche Grösse 
als gegeben oder eine gegebene Grösse als unendlich vor- 
gestellt wird, so wird sie als Ganzes vorgestellt. (So nennt 
auch Kant die Welt, wenn ihre Grösse als gegeben gesetzt 
wird, „ein an sich existirendes Ganzes"). Der Raum wird 
vorgestellt „als eine unendliche gegebene Grösse." Er wird 
vorgestellt als Ganzes. Dagegen „kein Begriff, als ein 
solcher, kann so gedacht werden, als ob er eine unendliche 
Menge von Vorstellungen in sich enthielte"; kein Begriff 
kann als Ganzes, als Inbegriff aller Merkmale, sondern muss 



I 



S8 

als eines oder einige Merkmale, die von dem Inbegriff aller 
(d. h. von der Anschauung) abgezogen sind, gedacht werden. 
Es gilt daher vom Baum, was von keinem Begriff gilt: er 
ist ein Ganzes, weil er unendlich viele Vorstellungen in 
sich enthält; er ist also kein Begriff. Der Mittelbegriff 
dieses Schlusses ist der Begriff des Ganzen. 3o lautet 
der kantiscbe Sphluss, so der meinige. 

2) Kant sägt! „man muss einen jeden Begriff als eine 
Vorstellung denken, die in daer unendlichen Menge von ver- 
schiedenen mögUchen Vorstelhingen als ihr gemeinschaft- 
liches Merkmal enthalten . ist, mithin diese unter sich ent- 
hält.^^ Das gemeinschaftliche Merkmal ist nicht der Inbegriff 
aller Merkmale der Einzel vorsteUuüg, sondern dn Theil 
davon, eines oder einige, nie alle. Jeder Begriff ist eine 
Theiivorsteliuhg. Es gilt demnach von jedem Begriff, was 
vom «Räum nie gilt: er ist keine Theilvorsteliung ; er ist 
. al^ kein . 'Begriff*. Der Mittelbegriff dieses Schlusses ist 
„Theilvorsteliung'^.' Sd lautet der kantiscbe Scfaluss, 
so der mdnige. 

7. 

Wenn nun dieser ScMusd eine „quaternio terminorum^ 
enthielte, so würde ein s<dcher Einwurf nicht bloss meine 
Darstellung des kantisch^ Beweises, sondern Kant selbst 
treffen;, und mich höchstens der Vorwurf, dass ich die quaternio 
nicht entdeckt habe. Der Verfasser der Beiträge und der 
Broehäre wiU sie aufgefunden haben in dem Doppelsinn des 
Wortes „Theil". Logisch g^iommen, bedeute dieses Wort 
„Merkmal". I^ Begriffe seien Theile, „lo^ch genommen"; 
Raum und Zeit dagegen kdne Theile, „sinnlich genommen^; 
daher reisse das Band des Schlipses. Was Theil, „logisch 
g^iommai^, bedeutiot, hat Herr Trendelenburg gesagt; da- 
gegen hat er nicht gesagt, was das Wort, „sinnlich ge- 

3 



nommen^, bedeuten soll. Er hat den Doppelsinn nicht aus- 
einandergesetzt und also seine „quatemio^' gar nicht begründet. 

Nun wollen wir annehmen, was sich allein annehmen 
lässt : dass Theil, sinnlich genommen, etwas von einer exten- 
siven Grösse (Grössentheil) bedeutet. Wie steht es jetzt 
mit der quatemio? Jeder Begriff ist ein Theil, logisch ge- 
nommen, d. h. ein Merkmal. Baum und Zeit sind keine 
Theile: sie sind es weder logisch noch sinnlich genommen. 
Nicht bloss alle Theile des Baumes sind nur im Baum mög- 
lich, sondern auch alle Merkmale des Baums. Bechtsund 
Unks, oben und unten, vom und hinten, die verschiedenen 
Arten der Bichtung und Gestaltung, die unendlich vielen 
verschiedenen Vorstellungen, die hier möglich sind, wird 
Niemand Theile des Baumes, wohl aber Eigenschaften oder 
Merkmale desselben nennen. Der Baum begreift diese un- 
endliche Menge von Vorstellungen nicht unter sich, sondern 
in sich. Wo bleibt die „quatemio"? 

Selbst wenn wir dem Gegner einräumen wollten, dass 
er an dieser Stelle „logisch genommen** und „sinnlich ge- 
nommen** einander entgegensetzen und in dem Worte Theil 
einen Doppelsinn annehmen dürfte, so würde das zu seiner 
quatemio gar nichts helfen, denn Baum und Zeit sind keine 
Theile, sinnlich genommen; sie sind auch keine Theile, 
logisch genommen. Mit seiner quatemio also hat es keine 
Gefahr, und es ist fast zum Lachen, wenn er S. 32 sagt: 
„jene tödtliche quatemio terminorum**. Er hält die qua- 
temio fortwährend in der Hand, wie ein drohendes Gewehr, 
vor dem man sich in Acht nehmen müsse, er legt gegen 
mich an und thut, als ob er losdrücken wolle, um mich zu 
erschiessen, er drückt auch, aber es geht nicht los, denn 
sie ist nicht geladen — „diese tödtliche quatemio ter- 
minorum!** — Zwei verschiedene Worte sind nicht immer auch 
zwei verschiedene Begriffe. 



35 

8. 
Nach dem Verfasser der Brochüre soll der MittelbegriflF 
des kantischen Schlusses „des Begriff der unendlichen 
Vorstellungen oder der verwandte Begriff des 
Uneingeschränkte^n" sein. (S. 26.) 

1) Sieht er denn nicht, dass er auf diesen Mittelbegriff 
seine vermeintliche, „quaternio terminorum" ebenfalls an- 
wenden, dass ihm dieser Mittelbegriff auch erscheinen muss 
als „sinnlich genommen*' in Rücksicht des Baumes und 
der Zeit? 

2) Aber wo steht denn bei Kant dieser Mittelbegriff: 
„unendliche Vorstellungen"? Der kantische Mittelbegriff ist 
„eine unendliche Menge von verschiedenen möglichen Vor- 
stellungen", die der Begriff unter sich, der Raum dagegen 
in sich befasst". Herr Trendelenburg sagt: „der Begriff 
der unendlichen Vorstellungen oder der verwandte Begriff 
des Uneingeschränkten". Was soll das heissen? Inwiefern 
ist der Begriff des Uneingeschränkten mit der unendlichen 
Menge verschiedener möglicher Vorstellungen „verwandt"? 
Das Uneingeschränkte ist unendliche Grösse. Soll etwa 
statt „der unendlichen Menge verschiedener möglicher Vor- 
stellungen" auch gesagt werden dürfen „unendliche Grösse"? 
Dann müssten ja die Begriffe die unendliche Grösse unter 
sich, der Raum in sich befassen! 

3) Doch ich sehe, dass Herr Trendelenburg gar nicht 
beachtet hat, was eine unendliche Menge verschiedener mög- 
licher Vorstellungen logisch bedeutet, da er sie gleichsetzt 
oder für „verwandt" hält mit „dem Uneingeschränkten". 
Was unendlich viele Vorstellungen in sich enthält, braucht 
darum keineswegs „uneingeschränkt" zu sein. Jede ein- 
zelne empirische Vorstellung, so beschränkt sie ist, enthält 
eine Fülle von Merkmalen , die sich durch logische Deter- 
mination niemals vollenden lassen. Eben deshalb ist die 

3 * 



Emzelvorstellung kein Begriff, sondern Anschauung. „Da 
nur einzelne Dinge oder Individuen durchgängig bestimmt 
sind'S sagt Kant in seineif Logik, „so kann es auch nur 
durchgängig bestimmte Erkenntnisse als Anschauui^gen, 
nicht aber als Begriffe geben; in Ansehung der letzteren 
kann die logische Bestimmung nie als vollendet angesehen 
werden." (AbsChn. I. §. 15.) 

Was eine unendliche Menge von verschiedenen mög- 
lichen Vorstellungen in sich enthält, ist nicht Begriff, son- 
dern Anschauung. Der Raum enthält eine solche unend- 
liche Menge von Vorstellungen in sich, also ist der fiaum 
kein Begriff, sondern Anschauung. Jeder Begriff enthält 
eine unendliche Menge verschiedener möglicher Vorstellungen 
unter sich; der Raum enthält nichts unter sich, also ist 
der Raum kein Begriff, sondern Anschauung. Dasselbe gilt 
von der Zeit. Der Mittelbegriff wird in beiden Fällen nur 
in dem einen Sinn genommen, wie die Logik die Merkmale 
nimmt, die den Inhalt einer Vorstellung ausmachen. 

9. 

Und nun möchte ich willen, was sich der Gegner 
eigentlich gedacht hat, als er an dieser Stelle „sinnlich 
genommen" und „logisch genommen" dnander ent- 
gegensetzte? Schwerlich etwas Klares. Denn so unschuldig 
und nichtssagend auch an dieser Stelle jener vermeintUche 
Gegensatz und Doppelsinn ist, so kann ich hier nicht einmal 
die Möglichkeit desselben einräumen. Es handelt sich um 
die Merkmale der Vorstellungen, um die Theilvorstellungen 
im Sinne der gewöhnlidien Logik. Jedes Merkmal ist ab- 
strahirt, d. h. es wird „logisch genommen". Jedes Merk- 
mal ist abstrahirt — wovon? Von einer Anschauung oder 
sinnlichen Vorstellung, entweder mittelbar oder unmittelbar: 
es ist in dieser Rücksicht „sinnlich genommen". Jene 




n 

eingebildete „Doppelheit", wovon der Gegner so viel Auf- 
hebens macht, findet demnach in diesem Falle gar nicht 
statt, und er hat auch mit keinem Worte gesagt noch 
sagen können, worin sie eigentlich besteht, und inwiefern 
hier „sinnlich genommen'^ etwas ganz anderes ist als „logisch 
genommen/^ 

Ich zeige jetzt den Grund der ganzen Verwirrung. 
„Sinnlich genommen" und „logisch genommen" können 
begreiflicherweise erst dann als Gegensätze gelten, wenn 
Sinnlichkeit und Verstand als Gegensätze einleuchten ; diese 
sind Gegensätze, wenn Baum und Zeit nicht Begriffe, son- 
dern Anschauungen oder sinnliche Vorstellungen sind: sie 
sind es erst dann und nur darum. Vor dem Beweise also, 
dass Baum und Zeit Anschauungen und keine Begriffe, dass 
sie sinnlicher, nicht logischer Natur sind, ist der Gegensatz 
von „sinnlich genommen" und „logisch genommen" noch 
völlig tonlos. Ein Gegensatz, der erst in Folge des 
kantiscben Beweises zum Gegensatz wird , kann ii^ den 
Prämissen eben dieses Beweises noch keine Stelle hab^. 
Zunächst gelten Baum und Zeit als Vorstellungen, wie alle 
Hioigen Begriffe, als Vorstellungen im Sinn der gewöhn- 
lichen Logik; jetzt zeigt Kant, dass von Baum und Zeit 
gilt, was von keinem der ^allgemeinen (gen^einsamen) Be- 
griffe fßt und umgdiehrt, dass daher Baum und Zeit 
anderer Natur sind, als die Gattungsbegriffe, dass ^e keinp 
Begriffe ;sind, sondern Anschauungen. Jetzt enst erhellt der 
Gegensatz der rein sinnlichen Vorstellungen und der begri^- 
lichen: ei^ Gegensatz, flen ^st Kant durch jenen ßeweis 
entdeckt und einleuchtend gemacht hat, da vor ihm der 
Unterschied beider nur in den Grad der Deutlichkeit, nicht 
in die Art d^ Vorstellung gesetzt wurde. (Ve^gl- damit 
unten XI. 1 und 2.) 

Pi^ G^oer jb^t deinni^ch 1) in meine Pw);ellung des 



38 

kantischen Schlusses eine vermeintliche „quaternio termino- 
rum" hineingelegt, indem er meine Worte veränderte, 2) diese 
vermeintliche „quaternio" in dem kantischen Schlüsse nicht 
gefunden, während er sie hier ebenso sehr hätte finden 
müssen, 3) nicht gesehen, dass sein vermeintlicher Gegen- 
satz, selbst wenn er möglich wäre, den Mittelbegrifif des 
fraglichen Schlusses gar nicht trifft, 4) völlig ausser Acht 
gelassen, dass an der Stelle, wo er den vermeintlichen 
Gegensatz versteckt glaubte, derselbe noch gar nicht statt- 
finden kann, 5) überhaupt nicht gesagt, inwiefern sein ver- 
meintlicher Gegensatz einen wirkUchen Gegensatz ausmacht. 

VIII. 

Der Verfasser der „Beiträge" und der Brochttre. 

1. 

Es ist ebenso leicht, eine quaternio terminorum zu 
finden, wo sie nicht ist, als sie zu übersehen, wo sie ist. 
Der Gegner hat sich etwas zu leichtfertig eine quaternio 
eingebildet, wo sie nicht ist, und giebt mir ebenso leicht- 
hin Schuld, sie hier übersehen zu haben. 

Zu diesem Mangel an Ueberlegung kommt ein zweiter. 
Jene quaternio, die er entdeckt zu haben wähnt, musste er 
ebenso wohl in Kant finden, als in meiner Darstellung Eant's. 
Er hat nicht gesagt, worin sie näher besteht. Er hat nicht 
gesagt, warum diese seine „quaternio terminorum" den 
kantischen Schluss nicht trifft. Er hat gewünscht, sie nur 
bei mir zu finden, aber in solchen Fällen helfen die frommen 
Wünsche nichts. 

Dieser zweite Mangel an Ueberlegung ist schlimmer, 
als der erste, denn er enthält ein Unrecht, das ich der 
ungezügelten polemischen Absicht zugeschrieben und das 
erstemal unerörtert gelassen habe. Ich sah, dass ich 



39 

in jenem Einwurfe einen ganzen Knäuel falscher Vorstel- 
lungen zu entwirren hätte, und konnte den Raum dafür in 
meinem Buche nicht aufwenden. 

Diese Erklärung gilt dem Verfasser der „Beiträge". 

2. 

Mit dem Verfasser der Brochüre dagegen verhält es 
sich in diesem Punkte weit schlimmer. Die Sache ist die- 
selbe. Aber die Haltung, welche der Gegner gegen mich 
annimmt, wird man aus folgender Stelle beurtheilen, die ich 
wörtlich herschreibe. Er sagt S. 28 : „warum erledigte denn 
nicht Kuno Fischer den schweren Vorwurf eines Fehlschlusses, 
zumal er ihn mit dem Vorwurf eines Sophisma für gleich- 
bedeutend hält?" „Dessenungeachtet erledigt er den Vor- 
wurf nicht, sicher hätte er es gethan, wenn er gekonnt 
hätte; er schweigt und legt den Fehlschluss, der nun zum 
Sophisma seines Kant wurde, von neuem auf. Gewarnt 
druckt er alles, wie es war, von neuem ab. Er 
gab als kantisch, was er als unkantisch wusste". 

Diese Stelle möge mir beiläufig bezeugen, wie Herr 
Trendelenburg das Schweigen des Gegners auslegt, und 
dass ich über diesen Punkt im Eingange dieser meiner Ge- 
genschrift nicht zu viel gesagt habe. (Oben S. 4 ff.) 

Ich bin auch für unerbetene „Rathschläge", „Erinne- 
rungen", „Warnimgen" nicht unempfindlich und nehme sie 
dankbar an, wenn sie gut sind. Aber ich muss die Frei- 
heit haben, sie zu prüfen und unbefolgt zu lassen, wenn 
ich sie schlecht und untauglich finde. In diesem Fall bin 
ich dem Herrn Trendelenburg gegenüber, der mir ungebeten 
„Rathschläge", „Erinnerungen", „Warnungen" zu ertheilen 
nicht müde wird und zu fordern scheint, dass ich sie an- 
nehmen und befolgen müsse, als ob es Gebote wären, die 
er mir dictirt. Ich finde, dass diese Art, mich zu berathen, 



40 

zu mnnern und sogar zu „warnen^S mir etwas zu nah auf 
den Leib rückt, dass sie die wissenschafüiehe und p^^n- 
liehe Grenze, welche dem Gegner zukommt, überschreitet 
und sich änen XJebergriff erlaubt, der in. dem Gdi)iete der 
Anmassung eben so weit geht, als er heruntersteigt unter 
das Mass dessen, was sich ziemt. 

Um also zu reden, wie es sich ziemt, so hat er gegen 
eine Stelle meiner Darstellung Kantus nicht eine „Warnung^', 
sondern ein Bedenken geäussert. Ich habe dieses Bedenken 
beachtet, aus den obigen Gründen für völlig nichtig erkannt 
und mit Stillschweigen übergangen. Jetzt wird mir der 
unerhörte Vorwurf gemacht, dass ich mit völliger Ueber- 
zeugung von der Richtigkeit seines Bedenkens dasselbe nicht 
beachtet und mit völliger üeberzeugung von der Unrichtigkeit 
mein^ Darstellung die letztere wiederholt habe. Er muss 
also seine Bedenken fiir Orakelsprüche halten, sonst wäre 
es unmöglich, auf die einfache Thatsache, dass ich eines 
seiner Bedenken mit Schweigen übergangen habe, einen 
solchen Vorwurf zu gründen. Er muss meinen, dass ich 
unter seiner Gensur stehe, ohne mich rühren zu dürfen, 
S(mst sehe ich nicht, wie er sich erlauben kann, einen Vor- 
wurf wie diesen niederzuschreiböa : „gewarnt druckt er 
alles, wie es war, von neuem ab." 

Nun war jenes Bedenken, mild ausgedrückt, ein Ver- 
sehen seinerseits, worin, wie idi nachgewiesen habe, ein 
Mangel an Ueberlegung zum andern kam. Meine Schuld 
besteht also darin, dass ich sein Versehen nicht augen- 
blicklich und imbedenklich zu dem meinigen gemacht habe, 
aicht lieber mit ihm habe irren wollen als die Sache der 
kantischen Lehre aufrecht erhalten. Und nun richtet er 
gegen mich die Beschuldigung dner absichtlich falschen 
Lehre und schreibt wörtlich: „er gab als kantisch, 
was er aU unkantiscb wusste/' 



41 

Dieses Masterstück' seiner Polemik ist werth, dass ich 
es etwas näher beleuchte. Es ist diesem (Gegner nicht 
genug, dass er mir „Warnungen" dictirt, die ich als Gebote 
zu achten habe, er dictirt mir auch meine Ueberzeugung. 
Es ist nicht genug, dass er selbst nicht den leisesten Zweifel 
hat, ob die Bedenken, die ihm eiug^allen sind, auch richtig 
waren: er ist völlig gewiss, dass auch idi von d^ Wahr- 
hät seiner Bedenken ganz überzeugt sein müssa Ob ich 
es wirklich bin oder nicht, was kümmert es ihn? Er hat 
gesprochen, ich habe gehört, also ich war „erinnert", „ge- 
warnt", beldirt und wusste jetzt, was kantisch und un- 
kantisch war. Doch habe ich nicht gehorcht „Ich gab als 
kantisch, was ich als unkantisch wusste." Nicht also in 
dner Art Verblendung, sondern mit völliger Klarheit habe 
ich einmal die grösste und unbegreiflichste aller Thorheiten 
begangen, indem ich wissentlich mein eigenes Werk zerstört 
habe^ und dann einer Handlung mich schuldig gemacht, 
die um nidits besser ist, als eine Fälschung, als ein Betrug. 
Es ist nicht genug, dass der Gegner auf einen Einfall hin 
diesen schimpflichen Verdacht in der Stille g^en mich fasst, 
er muss eine Genugthuung dafür haben, dass seine „War- 
nung" unbefolgt blieb, er muss den Satz gedruckt sehen: 
„er gab als kantisch, was er als unkantisch wusste." 

Und dieser Mann konnte mir „Uebermuth der Sprache" 
vorwerfen! Er konnte auf den Titel seiner Schrift den 
Spruch setzen: „die Wahrheit erzeugt den Hass!" Um so 
ungescheuter durfte in der Schrift selbst der Hass die Un- 
wahrtieit erzeugen. 

Dass ich es in dieser Sache mit einem unkundigen 
Gegner zu thun hatte, wusste ich, als ich das erste Wort 
gegen ihn schrieb; aber ich hätte nie geglaubt, dass die 
verletzte Eitelkeit ihn so weit treiben könnte, etwas Un- 
würdiges zu thun, etwas so Unwürdiges, als die Stelle 



42 

enthält, die ich mit seinen Worten angeführt habe. Hätte 
er sie niederschreiben können, wenn er die Absicht hatte 
gerecht zu sein? 

3. 

Ich hatte von diesem Gegner nur gesagt, dass ich 
„zweifelte", ob er mir hier überhaupt gerecht werden 
wolle und könne, denn ich wusste ja nicht, dass seine Ab- 
sicht weit über das Ziel einer gewöhnlichen Ungerechtigkeit 
hinausreiche. Ich zweifelte an seinem Wollen, weil er 
Bedenken völlig unbestimmter und leerer Art vorgebracht 
hatte, die keinen Gegenstand, sondern nur den Wunsch des 
Tadels zeigten ,' Bedenken selbst ohne den ' Schein eines 
Grundes, die ich in der Vorrede meines Kant und im Ein- 
gange dieser Schrift näher charakterisirt habe. Auf diese 
Thatsache gestützt, habe ich an seinem Willen, mir gerecht 
zu werden, gezweifelt. 

Was aber den andern Punkt betrifft, ob er mir gerecht 
werden konnte, so berief ich mich auf seine eigne Erklärung. 
Er sagt (Beitr. S. 258: „ehe ich dem Geschichtschreiber 
Kant's zu widersprechen und in seiner Darstellung Kant's 
so wesentliche Gedanken aJs nicht kantisch zu bezeichnen 
wagen durfte, lag es mir ob, allen Fleiss anzukehren, in 
der eigenen Erinnerung alle Spuren aufzusuchen und in 
Kant's Werken immer von neuem nachzuschlagen und hin- 
und herzulesen, — und doch konnte ich, da der Verfasser 
mir zu wissen nicht gegönnt hatte, welche Stelle Kant's 
ihm vorgeschwebt habe , die letzte Gewissheit in dieser nach- 
forschenden und nachrechnenden Probe nicht erreichen. Nur 
die für einen solchen Zweck schätzbaren Wörterbücher 
Meliin^s gaben mir zuletzt einiges Vertrauen, dass ich mich 
in meinem oft und vielgelesenen Kant wirklich nicht 
irrte." 



43 

Auf Grund dieser von ihm selbst gegebenen Beschrei- 
bung seines kritischen Verfahrens habe ich mich so ge- 
äussert: „bedenke ich, um welche Stellen, um welche 
Gardinalpunkte der kantischen Lehre es sich hier han- 
delt, so befremdet mich sowohl die Unsicherheit, welche 
der Verfasser der bist. Beitr. sich selbst zuschreibt, als die 
Sicherheit, womit er trotzdem über mich aburtheilt, nicht 
bloss in einzelnen Punkten, sondern im Ganzen. Dieses 
Aufsuchen aller Spuren in der eigenen Erinnerung, dieses 
Hin- und Herlesen in Kant, zuletzt als einzige Zuflucht 
nicht Kant, sondern Mellin's Register und Wörterbücher der 
kritischen Philosophie, alles Vertrauen, sich in Kant nicht 
zu irren, auf diese Wörterbücher gesetzt, und am Ende 
doch nur einiges Vertrauen, sich nicht zu irren: — in 
einer solchen Verfassung sollte billigerweise niemand über 
den Thatbestand einer kantischen Lehre, über die Aecht- 
heit oder Unächtheit einer Darstellung derselben als Richter 
aburtheilen; in einer solchen Verfassung kann man sich 
leicht über „Lücken" täuschen und sie an einem Orte sehen, 
wo sie in Wahrheit nicht sind." 

Diese Selbstschilderung nennt der Gegner in der Bro- 
chüre (S. 37) „eine arglose Erzählung". Ich habe sie auch 
so genommen, als ein einfaches Zeugniss, dass er in den 
Schriften Kant's nicht einheimisch ist und Unrecht thut, 
über den Werth meiner Arbeit, welche die Frucht vieler 
Jahre ist, mit leichtfertiger Sicherheit abzuurtheilen, da er 
doch selbst sagt, dass er am Ende nur „einiges Vertrauen" 
gehabt habe, sich nicht zu irren, das nicht einmal aus Kant 
geschöpft war, sondern aus Meilin. Warum hat er trotzdem 
so viel Vertrauen, sich in seinem Urtheil über mich nicht zu 
irren? So unsicher ist sein Urtheil begründet, und so sicher 
tritt es gegen mich auf: dieser Contrast war zu beleuchten, 
und ich that es mit seinen eigenen Worten, die ich keines- 



44 

wegs im Gegensatz zu der „arglosen Erzählung" etwa arg- 
listig ergriffen und ausgeixt, sondern einfach angeführt 
habe. Wenn er jetzt dieses so beschriebene Verfahren 
rühmt als "ein Muster der Vorsicht und ajs ein Beispiel 
philologischer Kritik, so vergisst er 1) dass die Vorsicht 
die Unsicherheit nicht ausschliesst und in dem vorhandenen 
Fall auch nicht beseitigt, 2) den Unterschied zwischen den 
Texten alter Schriftsteller und den kantischen Werken, 
3) dass es sich hier um solche Stellen, solche Cardinai- 
punkte der kantischen Lehre handelt, für welche kein 
Kenner den Mellin jemals aufgeschlagen hat. Ich brauche 
nicht erst Philologen in fragen, ob das Verfahren, das Bexv 
Trendelenburg hier als seine „nachrechnende Probe^ schil- 
dert, der philologischen Kritik gleicht? Ich kann „die ge- 
bührende Antwort", die ich empfangen soll, selbst geben. 
Ein Verfahren, das kantische Fragen aus dem Wörterbuche 
Mellins zu entscheiden unternimmt, ist keine kritische 
Methode. „Indessen wer gewinnt und verliert dabei ," fragt 
der Verfasser der Brochüre (S. 38) „wenn mein Gegner 
einer kritischen Methode die Achtung versagt?" In der 
That wüsste ich nicht, was ich verloren hätte, weil ich 
diese „Methode", die mit der kritischen nichts gemein hat, 
anzuwenden niemals nöthig gehabt habe, ich meine die 
mellin'sche Methode, und ich sehe auch nicht, was diese 
„Methode" dem Gegner geholfen. 

Ich habe es nicht als einen Vorwurf, sondern in der 
Form des Zweifels ausgesprochen, ob mir der Gegner in 
dieser Sache gerecht werden wolle und könne. Ein solche 
Zweifel, auf offene Grimde gestützt, ist in allen Fällen er- 
laubt. Will ihn der Gegner als Vorwurf nehmen, so sei es. 
Audh so enthält meine Aussage k^ine Beleidigung und nichts, 
dass ich ohne dargdegten Grund gesagt hätte. Wenn nun 
Henr Trendelenburg jene» Dpppelvorwurf am Ende ^evm 



4S 

BrochOre wiederholt und tainzuAigt: „ich breche ab und 
verhandle mit einem Gegner, der ein Argument dieser 
Art vorbringt, nicht weiter" (S. 40), so wundere ich mich 
nicht mehr üb^ den beleidigenden Ausdruck, der ja nur 
im Grundton der ganzen Schrift endet, sondern blos darüber, 
dass ihm der Einfall, nicht weiter zu verhandeln, erst kommt 
nachdem er 40 Seiten geschrieben und nichts mehr zu ver- 
handeln hat Was ich gesagt habe, wusste er ja, bevor er 
anfing zu schreiben! Dieser Scfaluss seiner „Entgegnung" ist 
wohl mehr eine rhetorische Figur als ein logischer Gedanke. 
Auch habe ich jenen Zweifel keineswegs als ein „Argument" 
vorgebracht, sondern gestützt auf die vorhergehenden Be- 
weisgründe und auf die Argumente des Gegners. 

Was aber soll ich sagen, dem er mit der Unempfindlich- 
keit einer leeren und übertriebenen Anmassung die schwerste 
Beleidigung zugefügt hat, die sich denken lässt? Da ich 
nicht mit ihm zu verhandeln, sondern gegen ihn zu schreiben 
habe, so fahre ich fort. 

IX. 

„Eine sehlichte yer^leidiiiiig". 

1. 
Ich werde noch einmal zurückgewiesen auf den Aus- 
gangspunkt des ganzen Streites. Herr Trendelenburg hatte 
in seinen logischen Untersuchungen erklärt, Kant habe „mit 
keinem Worte" bewiesen, dass Baum und Zeit nicht mich 
flir die Dinge an sich gelten, nicht auch objective Formen 
in diesem Sinne sei^ können. Baum und Zeit können sub- 
jectiv sein, wie Kant will, imd zugleich objectiv in dem 
Sinne, den Kant verneint. „Kant hat kaum an die 
Möglichkeit gedacht, dass sie beides zusammen 
seien." Von ihrer eigenen Theorie sagen die Untersuchung 



46 

gen: „mit dieser Ansdiauung wird in der That das Wahre 
der kantischen Ansicht aufbehalten und die Lücke aus- 
gefüllt." (Log. Unters. 2. Aufl. L S. 163 u. 166.) 

Dass Kant „kaum" an jene Möglichkeit gedacht, ist 
unrichtig; denn er hat selbst in einer seiner Schriften ge- 
lehrt, dass der Raum ursprüngliche Anschauung und zugleich 
ursprüngliche Realität sei. Natürlich konnte diese Annahme 
nur in einer seiner vorkritischen Schriften vorkommen, sie 
findet sich in der letzten jener Untersuchungen, in der 
Abhandlung „von dem ersten Grunde des Unterschiedes der 
Gegenden im Raum" (1768). Ich habe auf den wichtigen 
und einleuchtenden Zusammenhang hingewiesen zwischen 
dieser Schrift auf der einen, der Habilitationsschrift (1770) 
und den Prolegomena (1783) auf der anderen Seite. (Meine 
Gesch. der neueren Philos. III. Bd. 2. Aufl. S. 263—65.) 

Diesen meinen ausführlich entwickelten Gründen hat 
die Brochüre nichts entgegengesetzt; sie wiederholt, dass 
die vorkritische Schrift vorkritisch sei. 

2. 

Die logischen Untersuchungen haben ihre eigene Ansicht 
als eine solche bezeichnet, die „das Wahre der kantischen 
Ansicht aufbehalte und die Lücke ausfülle." Die „Bei- 
träge" finden es „ungereimt" und widersinnig", dass ich 
gesagt, Herr Trendelenburg wolle die kantische Ansicht 
durch die seinige ergänzen. „Es wäre ein eigenes Unter- 
fangen", bemerken die Beiträge, „ein so in sich ganzes 
System, wie Kant's, zu ergänzen." Sie sagen das wörtlich 
in einem Au&atz, der die Ueberschrift führt: „über eine 
Lücke in Kant's Beweise von der ausschliessenden Sub- 
jectivität des Raumes und der Zeit." Was im Texte „ein 
so in sich ganzes System" ist, das ist in der Ueberschrift 
ein so in sich lückenhaftes. 



47 

Was erwiedert die Brochüre? Sie nennt diesen meinen 
Beweis ein „Wortgefecht". „Kuno Fischer spinnt dies aus 
einem missverstandenen Ausdruck heraus, was für die Sache 
gleichgültig ist." (S. 4.) Die Menge des „Gleichgültigen" 
ist bei dem Verfasser der Brochüre sehr gross. 

Mein „Missv^rständniss" aber besteht darin, dass ich 
nach den ersten zehn Seiten des Beitrages noch nicht ver- 
gessen hatte, was in der Ueberschrift stand. 

3. 

Die Beiträge haben mich getadelt, dass ich in der 
Darstellung der kantischen Lehre von Raum und Zeit für 
die Anlage des Beweises die Prolegomena zur Richtschnur 
genommen und den Weg der letzteren für den ursprünglichen 
der kantischen Entdeckung angesehen. Das erste sei dem 
Gedanken Kaufs nicht gemäss, das zweite sei aus Kant 
nicht begründet. Nun ist beides in meinem Werke aus- 
einandergesetzt : ich schreibe ausserdem noch eine besondere 
Anmerkung, welche dem Gegner zeigt, wie das erste dem 
Gedanken Eant's völlig gemäss und das zweite in dem 
Ausspruche Kant's selbst völlig begründet ist. (Bd. III. 
S. 315 flf.) 

Was hat die Brochüre entgegnet? Buchstäblich nichts, 
obwohl ihr Verfasser sagt, er hoflfe zu zeigen, dass er sich 
in keinem Stücke irrte. (S. 9.) 

4. 

Kant habe kaum an die Möglichkeit gedacht, dass Raum 
und Zeit auch objective Formen der Dinge an sich sein 
können, er habe in seinen kritischen Untersuchungen diese 
Möglichkeit nicht widerlegt; er habe bewiesen, dass sie 
blos subjectiv seien, er habe die Unmöglichkeit nicht be- 



48 

wiesen, dass sie zugleich das Gegentheil sind. Er habe 
dies „mit keinem Worte" bewiesen. .So meint Herr 
Trendelenburg. 

Diese Meinung ist nicht bloss falsch, sondern l^st den 
Thatbestand der kantischen Lehre völlig ausser Acht. Es 
ist etwas Anderes, die kantischen Beweise bestreiten, etwas 
Anderes, behaupten, dass sie gar nicht vorhanden sind, dass 
sich bei Kant „kein Wort" solcher Beweise finde. 

Diese Beweise sind geführt: in der Habilitationsschrift, 
in der transsc. Aesthetik, in der transsc. Dialektik aus den 
kosmologischen Antinomien, in den Prolegomena, in den 
metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft aus 
der unendlichen Theilbarkeit der Materie, deren Widerspruch 
unlösbar wäre, wenn der Raum etwas an sich wäre, in der 
Kritik der praktischen Vernunft aus dem Vermögen der 
Freiheit, welches unmöglich wäre, wenn die Zeit etwas 
Reales an sich wäre. Ich erinnere an die vielen und wich- 
tigen Stellen, in denen Kant ausdrücklich lehrt , wie transsc. 
Idealität und empirische Realität nothwendig beisammen 
sind, denn sie verhalten sich, wie Bedingung und Bedingtes, 
dagegen transsc. Idealität und transsc. Realität nothwendig 
einander ausschliessen oder unmöglich beisammen sein können. 

Was wird entgegnet? üeber die Beweise, die sich auf 
die endlose Theilbarkeit der Materie und auf das Vermögen 
der Freiheit gründen, wird gänzlich geschwiegen. 

Die Habilitationsschrift, die transsc. Aesthetik, die 
Prolegomena führen übereinstimmend den Beweis, dass 
Raum und Zeit blosse Anschauungen sind, aus der Thatsache 
der reinen Mathematik. Wir wollen sehen, was gegen diesen 
Punkt die Beiträge gethan haben, und was gegen meine 
Erwiederung die Brochtire thut. Es handelt sich hier um 
einen jener eminenten Hauptpunkte, von dessen genauester 
Fassung das Verständniss der Lehre abhängt. 



4d 

5. 

Ich sage im Sinne Kants : wäre der Ranm und die 
Zeit etwas Beales an sich, so würde daraus die Unmöglich- 
keit der Mathematik folgen. Die Mathematik als allgemeine 
und nothwendige Erkenntniss ist nach Kant nur möglich 
unter der Bedingung, dass Raum und Zeit reine oder blosse 
Anschauungen sind. 

Die Beiträge entgegnen (§. 244 flf.) : „für diesen Punkt 
und dessen Ausführung fehlt das Citat, und der Leser möge 
die Stelle suchen, die genau entspräche. Schwerlich wird 
er sie finden; wenigstens nimmer den Schluss: so würde 
daraus die Unmöglichkeit der Mathematik folgen. Kant 
kann nur meinen: so bliebe die (innere) Möglichkeit der 
reinen Mathematik unerklärt, was einen ganz anderen Sinn 
hat und eine bdiutsamere Behauptung ist, als der weit- 
ausgreifende Satz: so würde daraus die Unmöglichkeit der 
Mathematik folgen.^^ 

Hier ist, was ich erwiedert habe. Nach dem Verfasser der 
Beiträge soll Kant nur gemeint haben, die Möglichkeit der 
reinen Mathematik bliebe unerklärt. Nach mir musste Kant 
meinen, sie bliebe unerklärlich und darum unmöglich. 

Dies musste Kant nicht bloss meinen, sondern sagen. 
Und er hat es gesagt. Er wollte zeigen, dass die Mathe- 
matik als Wissenschaft nur möglich sei, wenn Raum und 
Zeit ursprüngliche und reine Anschauungen sind. Warum 
hätte er sonst die Frage gestellt, welche die erste Grund- 
und Hauptfrage der ganzen Kritik ausmacht: „wie ist 
reine Mathematik möglich?^^ 

Hier sind die Citate. Die transsc. Aösth. (I. Abschn. 
§. 3) sagt: „unsere Erklärung macht allein die Möglichkeit 
der Geometrie als einer synthetischen Erkenntniss a priori 
begreiflich." Ebendaselbst (H. Abschn. §. 5) heisst es: 
„also erklärt unser Zeitbegriff die Möglichkeit so vieler 

4 



60 

synthetischer Erkenntnisse a priori, als die allgemeine Be- 
w^ungslehre darlegt/' Die Prolegomena (I. Th. §. 12) 
sagen: ,^lso liegen doch wirklich der Mathematik reine 
Anschauungen a priori zu Grande, welche ihre synthetischen 
und apodiktisch geltenden Sätze möglich machen, und 
daher erklärt unsere transsc. Deduction der Begriffe in 
Raum und Zeit zugleich die Möglichkeit einer reinen 
Mathematik, die ohne eine solohe Deduction zwar 
eingeräumt, aber keineswegs eingesehen werden 
könnte/' 

Kant erklärt also wörtlich^ dass die reinen Anschauungen 
a priori die Mathematik als Erkenntniss möglich machen". 
Die Mathematik ist nur unter dieser Bedingung möglich, 
also ist sie ohne diese Bedingung unmöglich. Es wäre nach 
alle dem nicht kantisch zu sagen, aus dem Gegentheile der 
transsc. Aesthetik folge die Unmöglichkeit der Mathematik ? 
Diese Erklärang wäre ^,weniger behutsam" als Kantus un- 
zweideutige Aussprüche? Nach den „Beiträgen" soll Kant 
nur meinen können , dass dann die Möglichkeit der reinen 
Mathematik ^, unerklärt" bliebe. In Wahrheit kann er 
dies weder memen nodi sagen. Er sagt vielmehr an so 
vielen Stellen: dann bliebe die Möglichkeit der reinen Ma- 
thematik unerklärlich, unbegreiflich; sie müsse ein- 
geräumt werden, d^n die Thatsache sei da, aber keines- 
wegs könne sie eingesehra werden. Wenn Kant nur meinte, 
jene Möglichkeit bliebe „unerklärt", so wäre nicht aus- 
geschlossen, dass sie nach diner anderen Theorie erklärt 
werden könnte. Wenn er aber sagt, sie bleibt unerklärlich, 
so hält er seine Theorie für die einzige Möglichkeit der 
Erklärung. Die Thatsache d^ remen Mathematik ist nur 
unter dieser Theorie erklärbar, sie ist nur unter den hier 
aufgestellten Bedingungen möglich. Ohne die kantische 
Theorie ist die reine Mathematik ein unbegriffenes, bloss 



eingeräumtes, nicht eingesehenes Factum; unter dem GegeA- 
theil der kantisdben Theorie wird sie ein unmögliches. Das 
ist Kant's Meinung ia genauer Uebereinstimmung mit seinen 
Worten, mit dem Buchstaben und Geist seiner Lehre. Wenn 
aber keiüe reine Mathematik möglich ist, so giebt es auch 
keine angewandte, überhaupt keine Mathematik als apodik- 
tische Erkenntniss. Kant sagt auch statt „reine Mathematik'^ 
schlechtweg „Mathematik'^ 

Hätte sich Kant in diesem Fall „behutsamer'' aus- 
drücken wollen und einer anderen Theorie die Möglichkeit 
der Erklärung offen gehalten, so musste er die ganze Ver- 
nunftkritik unterlassen. Die „grössere Behutsamkeit" wäre 
in diesem Falle vollkommen nichtssagend gewesen. Diese 
Art der Behutsamkeit war nicht die kantische. Es giebt 
eine Vorsicht, die aus Unsicherheit entspringt und unsicher 
bleibt; eine andere, auf die sich die Sicherheit gründet. 
Kant's Art war die letztere. Die Vorsicht ist nicht immer 
die Mutter der Weishdt, sie ist häufig auch die Tochter 
der Unsicherhdt. 

Was entgehet nun in diesem höchst wichtigen Punkte 
auf diese meine Erwiederung die Brochüre? Sie entgegnet 
buchstäblich nichts, aber der Verfasser sagt (S. d): „ich 
hoffe zu zeigen, dass ich midi in keinem Punkte irrte." 
Dass er nichts entgegnet hat, zeigt „eine schlidite Ver- 
gleichung", wie er sie wünscht. Doch nennt sich die Bro- 
chüre auf ihrem Titd „eine Entgegnung". 

6. 

Kant betrachtet seine Antinomien als indirecte Beweise 
der transsc. Aesthetik ; sie beweisen nach Kant die Unmög- 
lichkeit, dass Baum und Zeit etwas Reales an sich sind. 

Die „Beitrage", welche eben diese Beweise bei Kant 
varmissen, erUär^ (S. 232 ff.): „E^nt bringt hier die erste 

4 * 



52 

Antinomie als indirecten Beweis seiner transsc. Aesthetik; 
es wäre unkritisch, die anderen mit der ersten für denselben 
Zweck zusammenzuraffen. Kant ist darin vorsichtiger als 
Kuno Fischer/' 

Es handelt sich um diesen Punkt. Es handelt sich 
nicht um die Frage, ob die kantischen Antinomien bestritten 
werden können, sondern bloss darum, ob Kant nur die 
erste seiner Antinomien oder alle vier als solche in- 
directe Beweise ansieht und angesehen wissen will? 

Im ersten Fall bin ich in meiner Darstellung Kantus 
„weniger vorsichtig". Diese „weniger vorsichtige" Darstel- 
lung ist dann falsch. Im andern Fall ist der Einwurf des 
Gegners nicht bloss sehr unvorsichtig, sondern so ungerecht, 
als ein unüberlegter und ohne Rücksicht auf die Sache vor- 
gebrachter Tadel nur sein kann. 

Nun sagt Kant (Ant. d. r. Vem. 7. Abschn.) wörtlich; 
„aus der Antinomie der reinen Vernunft bei ihren kosmo- 
logischen Ideen kann man einen wahren, zwar nicht dog- 
matischen, aber doch kritischen und doctrinalen Nutzen 
ziehen, nämlich die transsc. Idealität der Erscheinungen 
dadurch indirect zu beweisen, wenn jemand etwa an dem 
directen Beweise in der transsc. Aesthetik nicht genug hätte. 
Der Beweis würde in diesem Dilemma bestehen: wenn die 
Welt ein an sich existirendes Ganzes ist, so ist sie entweder 
endlich oder unendlich. Nun ist das erstere sowohl als 
das zweite falsch laut der oben angeführten Beweise der 
Antithesis einer- und der Thesis andererseits. Also ist es 
auch falsch, dass die Welt ein an sich existirendes Ganzes 
sei. Woraus denn folgt, dass Erscheinungen überhaupt 
ausser unseren Vorstellungen nichts sind, welches wir eben 
^durch die transsc. Idealität derselben sagen wollten. Diese 
Anmerkung ist von Wichtigkeit. Man sieht daraus, dass 



53 

ches Wort auf das der Anschauung Gegenwärtige geht, noch 
conceptus singularis mit Singularbegriif zu übersetzen sein/^ 
(S 29.) 

Der spätere Kant müsste also seine eigene Stelle so tiber- 
setzen: „die Vorstellung des Raumes ist einzelne Anschauung 
u. s. f.** „Die Vorstellung des Raumes ist daher reine Anschau- 
ung, da sie einzelne Vorstellung ist!" Der spätere Kant soll 
also, wenn es nach Herrn Trendelenburg geht, „repraesentatio 
singularis" nicht „einzelne Vorstellung" genannt haben. 

Kant's Logik ist 30 Jahi*e später als die Habilitationsschrift. 
Das ist also ein r^cht später Kant! Dieser späte Kant sagt 
(I. Abschnitt von den Begriffen §. 1) : „die Anschauung ist eine 
einzelne Vorstellung (repraesentatio singularis, der Begriff 
eine allgemeine (repraesentatio per notas communes)" und nennt 
die Begriffe, wo er von ihnen redet, „conceptus", („conceptus 
puri"' „conceptus dati", „conceptus factitii", „conceptus 
communis" u. s. f.). 

Der „spätere Kant" wird also die Stelle seiner Habi- 
litationsschrift übersetzen, wie ich sie übersetzt habe und 
wie die Worte, verlangen" : „der Begriff des Raumes ist 
eine einzelne Vorstellung", „der Begriff des Raumes ist 
daher reine Anschauung, da er ein einzelner Begriff ist." 

3. 

Herr Trendelenburg sagt: „Raum und Zeit sind nichts 
Einzelnes" (S. 29). Sie sind nicht blos etwas Einzelnes, 
wie jede Anschauung^ sondern etwas Einziges, denn es 
giebt nur einen Raum und eine Zeit. Jeder Begriff, der 
unendlich viel Theilvorstellungen in sich enthält, ist ein 
einzelner Begriff, eine einzelne Vorstellung d. h. Anschau- 
ung. Wird Anschauung und Begriff, wie die kritische Phi- 
losophie fordert, genau unterschieden, so giebt es keine ein- 

•s. 

zelnen Begriffe, denn diese sind Anschauungen. Die allge- 



Die Broehüre entgegnet auf diesen Punkt, auf den 
es ihr aUein ankommen mus^e, nichts oder nur Auswei- 
chendes. Sie hat in ihrem Titel den Nachweis versprochen, 
dass der von mir dargestellte Kant nur „mein Kant^S nicht 
der wirkliche Kant sei. Also musste sie zeigen , dass der 
wirkliche Kant keineswegs von der Geltung seiner transsc. 
Aesthetik die Möglichkeit der Mathematik abhängig gemacht, 
keineswegs alle vier Antinomien als indirecten Beweis seiner 
transsc. Aesthetik betrachtet, dass dies alles nur mein Kant 
thue, aber nicht der urkundliche Kant. Denn der Verfasser 
der Beiträge hat mir vorgeworfen, dass 'ich in eben diesen 
Punkten „weniger behutsam", „weniger vorsichtig", „weniger 
kritisch" die kantische Lehre dargestellt habe, als Kant 
selbst. Nachdem ich die urkundlichen Gegenbeweise ge- 
führt, schreibt Herr Trendelenburg eine „Entgegnung^^ die 
nich ts entgegnet und macht aus der grundlosen und wider- 
legten Verdächtigung meines Werkes den Titel seiner Schrift. 

Nun frage ich: hat diesen Titel die Wahrheit ge- 
schrieben oder der Hass? 

« 
X. 

Kanf s Habilitationsschrift und seine transscendentale 

Aesthetik. 

Der von Herrn Trendelenburg entdeckte Widerspruch. 

1. 

In Betreff der Lehre von Baum und Zeit will Herr 
Trendelenburg noch einen Widerspruch, der mir verborgen 
geblieben sein soll oder wenigstens nicht eingeleuchtet hat, 
in Kant selbst aufgefunden haben. Dieser Widerspruch, 
den ich für keinen halte, bestehe zwischen Kant's Inaugural- 
schrift und der transsc. Aesthetik, zwischen der Inaugural- 
schrif t und der Kritik der reinen Vemimf t. Er betriit das 



55 

VerhältBiss der Zeit zu dem logischen Deokgesetze des 
Widerspruchs. 

Doch muss ich zuvor auf einen Einwurf eingehen, den 
der Gegner in den „Beiträgen^^ gemacht und trotz meiner 
Widerlegung in seiner BrochUre mehrmals wiederholt hat. 
Er betrifft die Bedeutung der kantischen Inauguralschrift in 
Rücksicht auf die Yemunftkritik. Es wird mir vorgeworfen, 
dass ich „in der Darstellung der Kritik der reinen yemunft 
die 11 Jahre früher geschriebene Habilitationsschrift, die 
nur die Keime der Kritik der reinen Vernunft enthält, mit 
der transscendentalen Aesthetik vermenge'^ (S. d.) Das sei 
ein fundamentaler Irrthum meinerseits. „Aber Kuno Fischer 
beharrt auf ihm und besteht darauf, die Habilitationsschrift, 
die 11 Jahre vor der Kritik der reinen Vernunft erschien, 
mit der transscendentalen Aesthetik derselben zu vermengen^^ 
(S. 13.) 

Allerdings bestehe ich darauf, dass die Habilitations- 
schrift „de mundi sensibilis etc^' die kantische Lehre von 
.Baum und Zeit, d. h. die transsc. Aesthetik, vollständig ent- 
hält und in ihr die Grundlage der gesammten Vemunft- 
kritik. Die 11 Jahr sollen doch nicht dagegen beweisen? 
Während dieser Zeit (1770 — 1781) arbeitete Kant im Stillen 
an der weiteren Ausbildung der kritischen Philosophie. Er 
brauchte gegen seine eigene Erwartung so vide Jahre, um 
der transsc. Aesthetik die transsc. Logik hinzuzufügen. Die 
wenigen Briefe, die wir aus dieser Zeit haben, geben über 
den Fortgang Kunde. Als Kant die Vemunftkritik vollendet 
hatte, schrieb er den 1. Mai 1781 an M.Herz: „dieses Buch 
enthält den Ausschlag aller mannigfaltigen Untersuchungen, 
die von den Begriffen anfingen, welche wir zusam- 
men unter der Benennung des mundi sensibilis und 
intelligibiiis abdisputirten^'. Dass Raum und Zeit 
ursprüngliche Vor^llungen, dass diese Vorstellungen Aor 



56 

schauungen und keine Begriffe, dass diese Anschauungen 
reine Anschauungen seien: diese Lehre giebt die Habilitations- 
schrift, wie die Vemunftkritik in ihrer transsc. Aesthetik, 
beide aus denselben Gründen. Das ist nicht meine Ent- 
deckung, sondern das hat bisjetzt jeder gesehen und be- 
hauptet, der die Entwicklungsgeschichte der kantischen Phi- 
losophie kennt. Von einem Widerspruch zwischen der Ha- 
bilitationsschrift und der transsc. Aesthetik weiss Kant 
nichts. Wenn ein solcher Widerspruch vorhanden wäre, 
so würde der Einwurf Kant selbst ebenso gut als meine 
Darstellung treffen. Da Herr Trendelenburg den vermeint- 
lichen Widerspruch aus der transsc. Logik zu beweisen 
sucht, so hätte er sagen müssen, der Widerspruch bestehe 
zwischen der Habilitationsschrift und der transsc. Logik. 
Aber er redet von einer „Vermengung" der Habilitations- 
schrift mit der transsc. Aesthetik, die beide in ihren Grund- 
gedanken völlig identisch sind, also nicht „vermengt", son- 
dern nur so geschieden werden können, dass jener in Rück- 
sicht des Grundgedankens das Recht der Erstgeburt zu-, 
kommt. Nirgends kann der Ausdruck „Vermengung" un- 
zutreffender und unrichtiger sein, als in diesem Falle. 

2. 

Herr Trendelenburg hatte in den „Beiträgen** bezwei- 
felt, dass Kant Raum und Zeit Einzelvorstellungen oder 
Singularbegriffe genannt habe. Ich hatte die Stelle ange- 
führt und ihn in einer Anmerkung darauf aufmerksam ge- 
macht. Die Stelle heisst wörtlich: „conceptus spatii est 
singnlaris repraesentatio etc." „Conceptus spatü itaque 
est intuitus purus, cum sit conceptus singularis etc.** 

Der Verfasser der Brochüre erwiedert: „der spätere Kant 
würde, was in der Stelle conceptus heisst, durch Vorstellung aus- 
drücken, und danach wird weder repraesentatio singularis, wel- 



57 

die obigen Beweise der vierfachen Antinomie 
nicht Blendwerke, sondern gründlich waren/^ 

Kant redet keineswegs bloss von der ersten Antinomie, 
sondern von „der Antinomie der reinen Vernunft bei ihren kos- 
mologischen Ideen", von den „Beweisen der Antithesis 
einer- und der Thesis andererseits", von den „Beweisen der 
vierfachen Antinomie". Er betrachtet „alle vier" 
Antinomien als indirecte Beweise der transsc. Aesthetik, als 
Beweise der Unmöglichkeit, dass Raum und Zeit etwas 
Beales an sich sind. Zu diesem Zweck hat Kant mit der 
ersten Antinomie die anderen ohne Ausnahme „zusammen- 
gerafit", wie sich die „Beiträge" etwas eilig ausdrücken. 

Der Gegner sagt in seiner Brochüre (S. 6 ff.): „Kuno 
Fischer belehrt mich, dass der Satz Kant*s : wenn die Welt 
ein an sich existirendes Ganzes ist, so ist sie entweder end- 
lich oder unendlich, einen allgemeineren Sinn habe, als in 
der ersten Antinomie, und alle vier umfasse, was mindestens 
zweifelhaft ist". Also der Gegner erklärt es für „zweifel- 
haft", ob eben dasselbe auch Kant sagt. 

Hier ist der kantische Satz. Es heisst in dem ange- 
führten Abschnitt wörtlich: „die Welt ist kein unbedingtes 
Ganze, existirt also auch nicht als ein solches weder mit 
unendlicher noch endlicher Grösse. Was hier von der 
ersten kosmologischen Idee, nämlich der abso- 
luten Totalität der Grösse in der Erscheinung 
gesagt worden, gilt auch von allen übrigen." Ist 
also die Richtigkeit meiner Belehrung noch „zweifelhaft"? 

Wenn ich nun sage, dass sämmtliche Antinomien 
nach Kant indirecte Beweise der transsc. Aesthetik sind 
und sein wollen, habe ich „weniger vorsichtig", „weniger 
kritisch" geredet als Kant selbst, da ich doch genau die 
kantische Ansicht wiedergebe? 



58 

meine Logik unterscheidet die Begriffe in allgemeine, be- 
sondere , einzelne. Diesen Sprachgebrauch findet Kant vor 
und bedient sich desselben, um ihn zu berichtigen. Er will 
beweisen, dass der Raum Anschauung ist, darum nennt er 
ihn zuerst nach dem allgemeinen Sprachgebrauch „Begrifft 
Wie sollte er anders? Das thut er in der Habilitations- 
schrift so gut als in der transsc. Aestbetik. Denn auch die 
letztere Überschreibt die Untersuchungen, welche zeigen 
sollen, dass Raum und Zeit keine Begriffe sind, „metaphy- 
sische Erörterung des Begriffs vom Raume^, „transsc. 
Erörterung des Begriffs vomRaume**, „metaphysische Er- 
örterung des Begriffs der Zdt^' u. s. f. 

Da der Ausdruck erst bestimmt werden soll, so muss aus 
didaktischen Gründen ausgegangen werden von dem unbestimm- 
ten Ausdruck. Das geschieht in der Habilitationsschrift so gut 
als in der transsc. Aestbetik und kann nicht anders geschehen. 

Das alles habe ich deutlich und klar auseinandergesetzt 
und auf die unzweideutige Stelle hingewiesen, damit der 
Gegner das Citat nicht vermisse. Was sagt er jetzt? Was 
allein Übrig bleibt, wenn man nichts mehr zu sagen weiss: 
„da Kuno Fischer mich auf das gegebene Citat, in welchem 
offenbar die Ausdrucke unbestimmt sind, zurückverweist, 
will ich über Wörter nicht streiten." (S. 29.) 

Die obige Erklärung giebt zugleich den einleuchtenden 
Grund, warum ich in meiner Darstellung der kantischen 
Lehre von Baum und Zeit die Begriffe, welche Raum und 
Zeit nicht sind, geflissentlich „Gattungsbegriffe" 
genannt habe. Weil in dem weiteren Sinne des Worts 
Raum und Zeit auch Begriffe genannt werden können, näm- 
lich Einzelbegriffe (EinzelvorsteUungen) oder Anschauungen. 
Begriff im weiteren Sinn bedeutet Vorstellung überhaupt; 
Begriff im engeren und eigentlichen Sinn bedeutet Vorstel- 



59 

luBg als „gemeinschaitliches Merkmal einer unendUcheii 
Menge verschiedener möglicher Vorstellungen^' d. h. Gat- 
tungsbegriff. Eine Zweideutigkeit, welche der Sprach- 
gebrauch mit sich führt, yermeiden, heisst das Yer- 
ständniss der Sache erleichtem. Und die Darstellung 
einer philosophischen Lehre verdient keinen Vorwurf, wenn 
sie diese Bestimmtheit sich zur Pflicht macht und erfüllt. 

4. 

Ich komme zu dem zweiten auf die Habilitationsschrift 
bezüglichen Streitpunkte. Es handelt sich um das Ver- 
hältniss der Zeit zu dem logischen Denkgesetze des Wider- 
spruchs. Die Stelle der Habilitationsschrift lautet wörtlich: 
„die Zeit giebt zwar nicht dem Denken seine Gesetze, wohl 
aber stellt sie die Hauptbedingungen fest („praecipuas 
constituit conditiones"), unter deren Einfluss („quibus 
faventibus*') der Verstand seine Begriffe den Denkgesetzen 
gemäss anwendet, wie ich denn, ob etwas unmöglich ist, 
nur urtheüen kann, indem ich von demselben Subjecte aus- 
sage, es sei in derselben Zeit A und Nicht- A." 

Im Hinblicke auf diesen Satz sage ich in meinem Werk : 
,^also die Zeitbestimmung ist die Bedingung, unter der allein 
das Denkgesetz gilt." Die „Beiträge" tadeln mich und ent- 
gegnen, dies, sei falsch^ denn in der obigen Stelle stehe nur, 
„dass die Zeit die Anwendung der Denkgesetze 
begünstige." (S. 250). Der Verfasser der Beiträge legt 
Kant etwas ganz anderes in den Mund, als dieser gesagt 
hat, und noch dazu etwas Sinnloses. Denn welchen denk- 
baren Sinn soll es haben, „dass die Zeit die Anwendung 
der Denkgesetze begünstige"? 

Der Verfasser der Brochtire ändert nun zwar diesen 
Ausdruck, der Kant so unglücklich wied^gegeben hat, aber 
ich fiQd^ ikidit, dass er die Sache begfser macht. Jetzt sagt 



60 

er von der obigen Stelle: „sie spricht nur von der Anwen- 
dung, für welche die Zeitbestimmung begünstigende und 
vorzügliche Bedingungen biete." Was ist eine „begünsti- 
gende Bedingung"? Wo redet Kant von „begünstigenden 
Bedingungen" ? Da doch jedermann „conditiones, quibus fa- 
ventibus" übersetzen wird mit „Bedingungen, unter deren 
Einfluss" u. s. f. ! 

Es ist vollkommen einleuchtend, was die kantische 
Stelle will. Das Denkgesetz des Widerspruchs erklärt: e^ 
können keinem Dinge contradictorisch-entgegengesetzte Fiü- 
dicate zugleich zukommen; nichts kann zugleich A und 
Nicht- A sein. Ohne die Zeitbestimmung „zugleich" ist das 
Denkgesetz geradezu falsch, denn jedes Ding kann sehr wohl 
contradictorisch- entgegengesetzte Prädicate haben, wenn 
diese einander folgen: es ist erst A, dann Nicht- A, wie 
ein menschliches Individuum erst jung, dann alt, aber nicht 
beides zugleich ist. So wird durch die Zeitbestimmung das 
Denkgesetz erst begreiflich, es wird durch die Zeitbestim- 
mung erklärt. 

Die Sache liegt so einfach und ist so selbstverständlich, 
dass schwer einzusehen ist, wie Kant jemals in diesem 
Punkte sich selbst sollte widersprochen haben. Doch soll 
es geschehen sein in der Kritik der reinen Vernunft, wie 
Herr Trendelenburg mit grossem Nachdruck behauptet. 

5. 

Und zwar findet er den Widerspruch der lediglich die- 
sen Punkt trifft, zwischen der Habilitationsschrift und der 
transsc. Aesthetik, wesshalb beide nicht „vermengt" 
werden dürfen. 

Aber in der transsc. Aesthetik (H. Abschnitt §. 5.) 
erklärt Kant wörtlich, dass ohne die Zeitvorstellung 
„kein Begriff, welcher es auch sei, die Möglichkeit einer 



61 

Verbindung contradictorisch- entgegengesetzter Prädicate in 
einem und demselben Objecte begreiflich machen könnte. 
Nur in der Zeit können beide contradictorisch -entgegenge- 
setzte Bestimmungen in einem Dinge, nämlich nach ein- 
ander anzutreffen sein." Wenn aber contradictorisch-ent- 
gegengesetzte Prädicate in einem Dinge nur möglich und 
begreiflich sind in verschiedenen Zeiten, so sind sie un- 
möglich und unbegreiflich in derselben Zeit. Beide Sätze 
haben vollkommen gleichen Inhalt. Ohne die Zeitvorstellung 
kann „kein Begriff die Möglichkeit einer Verbindung con- 
tradictorisch-entgegengesetzter Prädicate in einem und dem- 
selben Objecte begreiflich machen." Ohne die Zeitvoratel- 
lung kann daher auch kein Begriff die Unmöglichkeit 
einer solchen Verbindung begreiflich machen. Die Möglich- 
keit hängt ab von dem „nacheinander." Die Unmög- 
lichkeit hängt ab von dem „zugleich.^' Ohne dieses „zu- 
gleich" kann kein Begriff die Unmöglichkeit einer Verbin- 
dung contradictorisch -entgegengesetzter Prädicate in einem 
und demselben Objecte, d. h. das logische Denkgesetz des 
Widerspruchs, begreiflich machen oder erklären. 

Herr Trendelenburg wollte zwischen der Habilita- 
tionsschrift und der transsc. Aesthetik einen Wider- 
spruch gefunden haben; er wollte diesen Widerspruch ent- 
deckt haben in einem einzigen Punkte. Dieser einzige 
Punkt betraf das Verhältniss . der Zeit zu dem Denkgesetze 
des Widerspruchs. Wir haben gezeigt, dass auch in diesem 
Punkte zwischen der Habilitationsschrift und der transsc. 
Aesthetik eine völlige Uebereinstimmung herrscht. 

6. 

Nun beruft sich der Gegner, um seinen vermeint- 
lichen Widerspruch darzuthun, auf die transsc. Logik. Er 
hätte daher sagen sollen, dass er mit der Habilitations- 



et 

Schrift nicht die tmassc. Aesthetik, sondern die transsc. 
Logik in Widerstreit finde. Dann freilich konnte er auch 
nicht Yon einer „Vermengung'' der beiden ersten sprechen. 

Wenn er aber die transsc. Aesthetik genau unter- 
sucht hätte, so musste er seinen Widerspruch zwischen 
diese und die transsc. Logik, d. h. in die Kritik der Ver- 
nunft selbst, verlegen und die Habilitationsschrift ganz ausser 
Spiel lassen. Freilich hätte er dann auch kein Aufhebens 
davon machen können, dass die Habilitationsschnft 1 1 Jahre 
vor der Kritik erschiene sei, als ob in diesai 11 Jahren 
schon der Widerspruch stecke. 

Gehen wir also auf den eigentlichen Schauplatz des 
Widerspruchs. Die Stelle findet sich in dem Abschnitt 
der transsc. Logik „von dem obersten Grundsatz aller 
analytischen Urtheile.^ Hier handdt es sich um das 
Denkgesetz ohne Bücksicht auf seine Anwendung, also auch 
ohne Rücksicht auf die Zeitbestimmung, um den Satz des 
Widerspruchs als „einen bloss logische Grundsatz**, der als 
solcher „nicht durch die Bedingung der Zeit afficirt werden**, 
„seine Aussprüche nicht auf die Zeitverhältnisse dnschrän- 
ken darf.** Der Satz des Widersi»*uchs soll so genommen 
werden, dass er gilt unabhängig von der Zeitbestimmung, 
unabhängig von der Bedingung des „zugleich.** So lange 
nun der Satz so lautet, dass zwei contradictorisch- entge- 
gengesetzte Pnulicate nicht einem und denselben Objecte 
zukommen können, ist die Zeitbestimmung nothwendig. 
Das hat Kant in der Habilitationsschrift und in der transsc 
Aesthetik erklärt; eben dasselbe ^klärt er ausdrücklich 
an dieser Stelle der transsc. Logik. Wie sollte er anders ? 
Er sagt ausdrücklich : „z. B. ein Mensch, der jung ist, kann 
nicht zugleich alt sein; eben derselbe kann aber sehr wohl 
zu einer Zeit jung, zur andern nicht jung d. i. alt sein.** 
„Sage ich: ein Mensch, der ungeldurt ist, ist nidit gelehrt, 



so muss die BecUngimg : zugleicli dabei st^en, denn der, 
so zu einer Zeit ungelehrt ist, kann zu einer andern gar 
wohl gelehrt sein." 

Soll nun das Denk^setz die Zeitbesimmung los werden, 
so muss es diese seine Formel ändern und darf nicht 
mehr lauten, wie bisher: dass zwei contradictorisch-entge- 
gengesetzte Pmdicate nicht demselben Objecte zukommen 
dürfen. Wenn das Denkgesetz heisst: kein Object darf zwei 
Prädicate haben, die einander wider^rechen" , so ist die 
Zeitbestimmung nothw^idig. So urtheilte Kant in der Ha- 
bilitationsschrift , in der transsc. Aesthetik, in der transsc. 
Logik. Es muss heissen: „kein Object darf ein Prädicat 
haben, welches ihm selbst widerspricht.'' „Sage ich aber 
kein ungelehrter Mensch ist gelehrt, so ist der Satz ansr 
lytisch, weil das Merkmal (der Ungelehrtheit) nunmehr den 
Begriff des Subjects mit ausmacht, und alsdann erhellt der 
verneinende Satz unmittelbar aus dem Satze des Wider- 
spruchs^ ohne dass die Bedingung: zugleich hinzukom- 
men darf. Dieses ist denn auch die Ursache, wesswegen 
ich oben die Formel desselben so verändert habe, 
dass die Natur eines analytischen Satzes dadurch deutlich 
ausgedrüddi wird." (Kant selbst nennt die Zeitbestimmung 
„zugleich" audi hier „Bedingung.*') 

Wo ist nun der Widerspruch? Was das Denkgesetz 
betrifft, wdches die Verbindung zweier widerstreitender 
Prädicate in demselben Objecte verbietet, so sagt die Ha- 
bilitationsschrift, die transsc. Aesthetik, die transsc. Logik an 
der angeführten Stelle vollkommen dasselbe: dieses Denk- 
gesetz in dieser Form bedarf der Zeitbestimmung des zu- 
gleich als seiner „Bedingung." Um diese Bedingung weg- 
zuschaffen, muss man die Formel ändern, von welcher 
allein die Rede war. „Darum habe ich", sagt Kant aus- 
driicklich, „diese Formel verändert." 



64 

Es gehört in der That kein Studium Eant's, sondern 
nur einige gesammelte Art des Lesens dazu, um hier keinen 
Widerspruch, geschweige denn einen „schreienden" zu finden. 
Nachdem er hier „den schreienden Widerspruch" entdeckt 
haben will, erleichtert sich der Verfasser der Brochüre 
durch folgenden unbegreiflichen Schluss: „hiernach ist der 
fundamentale Irrthum der Darstellui^ von neuem nachge- 
wiesen." (S. 13). Weder ist ein Irrthum nachgewiesen 
noch ist gesagt, inwiefern der Punkt, in welchem der Gegner 
einen Irrthum zu finden wähnte, das Fundament der kan- 
tischen Lehre trifft. 

XI. 
Der richtige und falsche Gebrauch der Citate. 

1. 

Der Gegner hat mir vorgeworfen, dass ich die Forde- 
rung der Citate „bespöttele." Das ist nicht richtig, da ich 
diese Forderung selbst mache und, so viel an mir ist, er- 
fülle. Ich würde sonst gegen den Einwurf, dass ich mich 
der Citate überhebe, als gegen einen völlig unbegründeten 
und leeren, keine Einsprache gethan haben. Indessen kommt 
alles darauf an, wie man die Citate gebraucht: ob man sie 
richtig und methodisch anwendet oder von beidem das Ge- 
gentheil thut, indem man sie durcheinander wirft. Der 
richtige und methodische Gebrauch nimmt jedes Citat in 
genauer Rücksicht auf die Stelle, wo es steht, auf den Zu- 
sammenhang, in dem es vorkommt; der unrichtige und un- 
methodische nimmt die Citate ohne Rücksicht auf ihren Ort 
und herausgerissen aus ihrem Zusammenhange. Dem Ge- 
brauche entspricht die Forderung. Wenn man, abgesehen 
von dem literarischen und didaktischen Entwicklungsgange 
eines philosophischen Systemes, in den Schriften herumblät- 
tert und Stellen abflückt, so wird es schwerlich ein philo- 



65 

sophisches System geben, das auf diesem Wege nicht leicht 
in einen Haufen scheinbarer Widersprüche verwandelt wer- 
den könnte. Unmöglich kann auf diese Weise ein System 
verstanden noch weniger dargestellt oder entwickelt werden. 
Daher ist das richtige Citiren ein kritisches Geschäft, weU 
ches das ganze und umfassende Verständniss des Philoso* 
phen voraussetzt, wogegen das blosse Citiren, das Auf- 
schütten von Citaten, das Hin- und Herblättem und nach 
Stellen jagen, ich meine die Stellenjägerei, ein ebenso 
leichtes und unkritisches als gänzlich unfruchtbares Geschäft 
ist. Nur der richtige und methodische Gebrauch der Citate kann 
eine Lehre beurkunden, der andere kann nur verwirren. 

2. 

Ich will mich an einem Beispiele deutlich machen. 
Der Philosoph, der ein neues System aufstellt, begründet 
eine neue Lehre und zieht daraus seine Folgerungen. Hier 
ist genau zu unterscheiden zwischen den Begründungssätzen 
und den Folgerungssätzen. So wenig der Philosoph die 
Folgerungssätze zu Begründungssätzen machen darf (er 
würde sonst gar nichts beweisen), so wenig darf in der ge- 
schichtlichen Darstellung eines Systems der Folgerungssatz 
einer Lehre da citirt werden, wo es sich erst um die Be- 
gründung derselben handelt. 

Diese Lehre z. B. sei Eant's transsc. Aesthetik. Was 
aus dieser Lehre hervorgeht, darf keineswegs schon gelten bei 
ihrer Begründung. Nun legt Kant mit der transsc. Aesthe- 
tik den Grund seiner Yemunftkritik , deren ganze Summe 
in allen ihren Folgerungen er am Schlüsse seines Werkes 
zusammenfasst in der transsc. Methodenlehre. „Die Disciplin 
der reinen Vernunft im dogmatischen Gebrauch" bildet den 
ersten Abschnitt der letzteren. Zwischen der Begründung 

der transsc. Aesthetik und diesem Abschnitt liegen sämmt- 

5 



66 

Uche Untersuchungen der Yemunftkritik. Nachdem be- 
wiesen ist, dass Baum und Zeit reine Anschauungen sind, 
nachdem alle übrigen kritischen Untersuchungen vollendet 
worden, leuchtet ein, dass es eine „Vemunfterkenntniss aus 
Begriffen'' und eine mathematische Erkenntniss aus „Gon- 
struction der Begriffe'' giebt. Was Kant „Construction 
der Begriffe" nennt, ist „Darstellung derselben in der An- 
schauung a priori". Also muss zuvor bewiesen sein, dass 
es Anschauung a priori giebt; also kann vor dieser Be- 
gründung und noch weniger zu derselben von einer An- 
schauung a priori oder von einer Construction der Begriffe 
geredet werden. Es wäre darum einer der gröbsten Fehler, 
wollte Kant oder ein Geschichtschreiber Kant's den Satz 
der transsc. Methodenlehre von der mathematischen Erkennt- 
niss aus Construction der Begriffe vorbringen, ehe noch die 
transsc. Aesthetik überhaupt feststeht. Die letztere würde 
dann auf folgenden Beweis hinauslaufen: „weil es mathema- 
tische Erkenntniss aus Construction der Begriffe giebt, d. h. 
weil es Anschauung a priori giebt, oder weil Baum und 
Zeit Anschauungen a priori sind, darum sind Baum und 
Zeit Anschauungen a priori." [Vgl. oben IV. 1 S. 14. 15.] 

Hier sieht man, wie ein Citat an unrichtiger Stelle 
nicht beurkundend ist , sondern lediglich verwirrend. Mein 
Gegner aber wirft mir vor, dass ich bei Begründung der 
transsc. Aesthetik die Folgeinmgen derselben in Kant's „Dis- 
ciplin der reinen Vernunft" nicht beachtet und von der 
„Construction der Begriffe" nicht geredet habe (Broch. 
S. 20.) Ich habe diese Folgerungen sehr wohl beachtet und 
genau dargestellt an dem Ort, wo sie hingehören, nämlich 
in der transsc. Methodenlehre (Bd. III. 2. Aufl. S. 601—606). 

So fordert der Gegner Citate. Sehen wir zu, wie er 
sie braucht. 



• «7 

3. 

Er fuhrt jene Stelle der Methodenlehre an als eine 
Instanz g^en den Satz, dass alle Gattungsbegriffe abstrar 
hirt werden. Das lehrt Kant in seiner Logik; dasselbe 
sagt er in der Begründung seiner transsc. Aesthetik, da er 
jed^n B^iff ein gemeinschaftliches Merkmal vieler ver- 
schiedener Vorstellungen nennt 

In jenem Abschnitt aber der transsc. Methodenlehre soll 
Kant gelehrt haben, dass es Gattungsbegriffe giebt, die 
constroirt werden; „die Disciplin der reinen Vernunft lasse 
darüber keinen Zwöfel": so meint der Gegn^ (Broch. 
S. 20). Hätte Kant diess gesagt, so wäre zunächst nicht 
meine Darstellung mit ihm, sondern vor allem er mit sieh 
selbst in Widerstreit. Indessen hat Kant auch in der 
angeführten Stelle eine solche Behauptung nicht gemacht 
noch machen können. Wenn man Gitate unrichtig und un- 
methodisch aufliest, so ist ein zweiter Uebelstand, dass man 
sie auch falsch versteht. Ich führe den Nachweis, wie un- 
richtig der Gegner dieses am unrichtigen Orte aufgenom- 
mene Gitat vei^standen hat. Wie also verhält es sich mit 
der kantischen „Construction der Begriffe'^? 

Jeder Gattungsbegriff fordert empirische Anschauungen 
(sinnlich gegebene Vorstellungen), die er mittelbar oder un- 
mittelbar unter sich begreift. Kein Gattungsbegriff ist ein 
einzdnes Olgect. 

Nun sa^ Kant in der angeführten Stelle: „^en Be- 
griff construiren, heisst die ihm correspondirende Anschau- 
ung a priori darstellen. Zur Construction eines Begriffs 
wird also dne nicht-empirische Anschauung erfordert, 
die folglich als Anschauung ein einzelnes Object ist, aber 
nichtsdestoweniger als die Construction eines Begriffs (einer 
allgemeinen Vorstellung) Allgemeingültigkeit für alle mög- 
liche Anschauungen, die unter denselben Begriff gehören, 

5 » 



68 - 

ff 

ausdrucken muss/^ Der constmirte Betriff ist nach Kant 
^,ein einzelnes Object^*; dieses einzelne Object, weH es 
a priori entworfen wird, ist „allgemeingültig foralle mög- 
liche Anschauungen, die unter densdben B^riff gehören.^ 
Es repiSsentirt diese Anschauungen, es gilt für alle, 
es ist insofern der Beprasentant oder, wie äch Kant an 
derselben Stelle ausdruckt, „das Schema^ des idlgemeinen 
Begriffs; es ist keinesw^ dies^ Begriff selbst. Ein solches 
Schema, um das kantische Beispiel zu brauchen, ist das 
einzelne Dreieck, das ich constmire, sei es in der Einbildung 
oder als empirische Figur auf dem Papier. „Die einzelne 
hingezeichnete Figur ist empirisch und dient gleichwohl, 
den Begriff unbeschadet sdner Allgemeinheit auszudrücken.'^ 
Die Consteuction, welche dazu dient, den allgemeinen Be- 
griff auszudrücken, ist keinesw^s dieser allgemeine Begriff 
selbst. Und wie ist es möglich, dass diese einzelne Figur 
den allgemeinen Begriff des Dreiecks ausdrückt? Hören wir 
genau den kantischen Grund mit KanVs eigenen Worten: 
„weil bei dieser empirischen Anschauung immer nur auf 
die Handlung der Construction des BegrifiEs, welchem viele 
Bestimmungen z. B. der Grösse, der Seiten und Winkel 
ganz gleichgültig sind, gesehen und also von diesen Ver- 
schiedenheiten, die den Begriff des Dreiecks nicht verändern, 
abstraUrt wird/' 

Dass mithin dieses einzelne Dreieck, weMes entweder 
schief- oder rechtwinklig ist und diese bestimmte Grösse 
hat, den allgemeinen Begriff Dreieck ausdrückt, der sowohl 
die schief- als rechtwinkligen Dreiecke aller möglichen 
Grössen unter sich begreift, ist dadurch allein möglich: 
„dass nur auf die Construction reflectirt und 
dabei von vielen Bestimmungen abstrahirt wird." 
So lehrt Kant wörtlich. 

Das Wort „Gattungsbegriff^' braucht Kant an dieser 



69 

Stelle nirgends. Aber selbst wenn er es brauchte, was giebt 
nach dieser Stelle den Gattungsbegriff des Dreiecks? Nicht 
bloss die Construction, sondern, wie Kant ausdrücklich lehrt, 
die Reflexion auf die Construction und die Abstraction 
von den vielen Bestimmungen, die zur Construction nicht 
wesentlich sind, gleichwohl aber dieses Dreieck zu diesem 
von allen übrigen unterschiedenen Dreiecke machen. Wenn 
das Dreieck als Gattungsbegriff genommen wird, so fordert 
dieser Gattungsbegriff ebenso sehr die Abstraction von ge- 
wissen Bestimmungen der Einzelvorstellung oder Anschauung, 
als der Gattungsbegriff Mensch. Der Unterschied liegt nur 
darin : dass beim Dreieck die Anschauung, in Rücksicht auf 
welche Reflexion und Abstraction stattfinden, eine Constru- 
ction, beim Menschen dagegen eine empirisch gegebene An- 
schauung ist ; dass ich in dem ersten Fall die Einzelvoi*stel- 
lung erzeuge, in dem zweiten dagegen (das Material der- 
selben) empfange. 

Der Gegner hat demnach die angeführte Stelle 1) un- 
richtig und unmethodisch gebraucht, da er sie an einem 
Orte vorbringt, wo sie noch gar nicht mitsprechen darf, 
2) falsch verstanden, da er in ihr ein Zeugniss gefunden 
zu haben meint, dass es Gattungsbegriffe giebt, welche nicht 
abstrahirt, sondern bloss construirt werden. Diese Auffas- 
sung entspricht weder dem Wortlaut noch dem Sinn des 
Citats, vielmehr widerspricht sie beiden. 

4. 

Wenn man tadeln will und nicht kann, so kommen 
wunderliche Dinge zum Vorschein, und der Tadler, wenn 
er kein Kritiker ist, hat mit seinen nichtigen und falschen 
Einwürfen noch ausserdem Unglück aller Art. Meinem 
Gegner misslingen namentlich zwei Arten des Tadels: 1) 



70 

wenn er im BesoBderen tadelt, und 2) wenn er im All- 
gemeinen tadelt. Ich gebe Beispiele für beides. 

Er berührt meine Darstellung der kantischen Lehre 
vom Gewissen, für welche das genau entsprechende Citat 
nicht zu vermissen war, und sagt (S. 34): „im Uebrigen 
halte ich die ganze Ausführung des Gewissens mit dem 
„„niederschlagenden Donner der Stimme"" und der „„Hölle ' 
des Bewusstseins" " für unkantisch, weil für gefärbt." 

Ich weiss nicht, wie man mit dem Donner „färben" 
kann. Ich denke mir, der Gegner hat sagen wollen: die 
Ausdrücke „Donner" und „Hölle" stehen nicht in Kant; 
Kant würde das böse Gewissen nicht „Hölle des Bewusst- 
seins" nennen, Kant liebt solche Farben nicht. So meint 
er es wirklich, denn er sagt: „die schlichte Sprache Kaufs 
gehört auch zu Kant." 

Nun will das Unglück, dass Kant sich ebenso aus- 
gedrückt hat, nur etwas weniger „schlicht". Er sagt vom 
Gewissen in seiner Tugendlehre (I. Buch UI. Hauptst. 
2. Abschn. §. 14): „diese Selbstprüfung, die in die schwerer 
zu ergründenden Tiefen oder den Abgrund des Herzens zu 
dringen verlangt, und die dadurch zu erhaltende Selbst- 
erkenntniss ist aller menschlichen Weisheit Anfang." „Nur 
die Höllenfahrt der Selbsterkenntniss bahnt den 
Weg zur Vergötterung." (Dieser schöne und tiefsinnige 
Ausdruck rührt ursprünglich von Hamann her, aber Kant 
hat ihn an der angeführten Stelle gebraucht, ohne Hamann 
zu nennen, ohne auch nur anzudeuten, dass der Ausdruck 
nicht von ihm selbst sei, er hat ihn gebraucht als seinen 
eigenen, um seinen Begriff des Gewissens dadurch zu 
„färben", wie Herr Trendelenburg sagt. Derselbe Ausdruck 
kehrt in einem ähnlichen Zusammenhange noch in einer 
anderen Schrift wieder. 

So ist dieser Einwurf des Gegners, an sich der klein^ 



71 

liebsten Art, noch ausserdem auf komische Weise verunglückt 
und verfehlt. Er zeigt zugleich, wie wenig der Gegner 
Kant's „schlichte Sprache" kennt, wie wenig zu dieser 
Kenntniss die schätzbaren Wörterbücher helfen. Nachdem 
er den Feldzug gegen die „Hölle" des Gewissens so sieg- 
reich geführt hat, bestätigt er seinen Triumph mit den 
Worten: „dies mag genügen, um die Beschuldigung vor- 
eiliger Schlüsse und unbegründeter Einwurf e zurückzuweisen". 
„Die deutsche Kritik mag nun das Uebrige thun!" (S. 34.) 
Wenn sein Einwurf eine Bedeutung und eine Tragweite 
hätte, so dürfte ich kein Wort brauchen, das nicht d^ 
Philosoph, dessen Lehre ich darstelle, selbst gebraucht hat; 
ich hätte dann den Philosophen nicht zu entwickeln, son- 
dern bloss abzuschreiben oder Auszüge aus ihm zu machen. 

• 

5. 

Dies scheint Herr Trendelenburg in der That zu meinen, 
wenn anders die Gemeinplätze seines Tadels einen Sinn haben 
sollen. Er sagt: „eine allgemeine Bemerkung mag noch 
gestattet sein. Bei Kuno Fischer reden alle Philosophen in 
demselben Stil, in derselben Art von Frage und Antwort, 
in derselben Art gehäufter im Conditionalis ausgedrückter 
Fragen statt wirklicher indirecter (?) Beweise, in der- 
selben bewegten und glänzenden Sprache". „Es handelt 
sich in dem heute vorliegenden Fall um die Einführung 
einer neuen Methode in die Geschichtschreibung der Philo- 
sophie, um die sich vom urkundlichen Substrat der Stellen 
loslösende und das System in freierer, Nachbildung wieder- 
gebende Methode, wie es sich einst um die Einführung der 
dialektischen Methode des reinen Gedankens in die Philo- 
sophie handelte. Ich bin in die Kritik beider eingetreten 
u. s. f." „Ueberdies wird diese Methode es kaum ver? 
meiden können, alle Philosophen in einem Stil, in einer 



72 

bei allen gleichen und dadurch uniformen Manier und Aus- 
drucksweise reden zu lassen." (Broch. S. 34 fF.) 

Ich sehe, dass es dem Gegner gefällt, sich auch 
an meiner Schreibart zu versuchen. Was er an obiger Stelle 
tadelt, ist weder tadelnswerth noch verhält es sich so, wie 
er sagt. Es ist wahr, dass .ich auch die fragende Form 
brauche, dass ich in Fragesätzen auch den „ConditionaUs" 
anwende; aber es ist nicht wahr, dass ich in dieser und 
noch dazu derselben Art alle Philosophen reden lasse. Der 
Ausdruck „wirkliche indirecte Beweise" ist unverständlich 
und hat * vielleicht das Gegentheil sagen sollen, welches 
letztere aber (nämlich die wirklichen directen Beweise) in 
meiner Darstellung keineswegs fehlt. 

Wenn, nach dem bekannten Worte zu reden, der Stil 
wirklich der Mensch ist, so müssen die Mängel des ersten 
sehr eng mit jenen persönlichen Mängeln zusammenhängen, 
die man nicht ändern und ablegen kann, wie ein Kleidungs- 
stück. Ich glaube, die Schreibart des Gegners wohl zu 
kennen, und es hat auch mich bisweilen gereizt, sie zu 
beleuchten, doch habe ich es unterlassen, weil es mir un- 
richtig schien, in einer wissenschaftlichen Polemik so nah 
an die Person des Gegners zu gehen. Da ich in stilisti- 
schen Fragen ihn nicht zum Rathgeber nehme, so kann ich 
ruhig ertragen, was er an meiner Schreibart aussetzt. Er 
würde gut thun, auch hier erst vor seiner Thür zu kehren, 
ehe er vor die meinige kommt. Freihch weiss ich schon 
aus den Erfahrungen dieser Polemik, dass er die eigene 
Leistung sehr nachsichtsvoll und schonend beurtheilt und 
selbst jene kleinliche und klaubrige Art, die in seiner Be- 
kämpfung anderer gern den Schein der Genauigkeit und 
Strenge annehmen möchte, keineswegs gegen sich selbst 
kehrt. Die Brochüre bietet dafür Beispiele genug, vom 
Titel und Motto an bis zum Schluss. Hier ist noch ein 



73 

anderes. In seinen „logischen Untersuchungen" kommt 
gewiss alles darauf an, wie das Verhältniss von Denken 
und „Bewegung" gefasst wird. Eine Verwirrung in diesem 
Punkte ist eine Verwirrung im Ganzen. In der That findet 
sich hier eine solche fundamentale Unklarheit. Bald gilt 
das Denken als die Bedingung der Bewegung, bald um- 
gekehrt die Bewegung als die Bedingung des Denkens. Jetzt 
heisst die Bewegung „die ursprüngliche That des Denkens" 
(Theil I. S. 166), jetzt heisst sie „Anfang und Bedingung 
alles Denkens" (ebendas S. 317). Ich hatte in meiner 
Beurtheilung seines Werkes auf diesen Widerspruch hin- 
gewiesen. Der Verfasser der Beiträge (Th. III. S. 269 ff.) 
entschuldigt den Widerspruch mit einem Doppelsinn im 
Worte Denken und sagt leichthin : es war „ein Wortsplitter." 
Bei mir machte er aus dem Doppelsinn, der keiner war, 
nicht bloss ein Versehen, sondern ein wissenschaftliches 
Verbrechen der schlimmsten Art ; bei ihm ist der Doppel- 
sinn, den er eingesteht, „ein Wortsplitter." Und nun 
ist nicht einmal ein Doppelsinn da, der den Widerspruch 
wegräumen könnte^ er kann sich nicht entschuldigen mit 
zwei verschiedenen Arten des Denkens, denn was „Anfang 
und Bedingung alles Denkens" ist, kann nicht zugleich 
„die ursprüngliche That des Denkens" sein. In welchem 
Sinn das Denken, dessen ursprüngliche That die Bewegung 
sein soll, auch genommen werde, so verhält es sich zu 
allem Denken, dessen Anfang und Bedingung die Bewegung 
sein soll, doch offenbar wie die Art zur Gattung, nicht wie 
die Art zur Nebenart. Wodurch die Gattung bedingt wird, 
das kann nicht selbst bedingt werden durch die Art. Es 
war „ein Wortsplitter"! Wenn dieser Splitter in meinem 
Auge gewesen wäre, so möchte ich den Balken sehen, den 
der Gegner daraus gemacht haben würde! — Von dem Sein, 
als dem Gegenstande des Denkens, sagt der Verfasser der 



74 

logischeii Untersuchungen (Th. I. S. 133): „als ein nach 
aussen gleichsam ausgegossenes begegnet uns das 
Sein zunächst/^ Und er redet von schiefen BUdem, als 
ob die richtigen bei ihm zu Hause wären! 

Dasselbe ungleiche Mass und die gleiche Selbsttäuschung 
zeigt sich auch in der Art seines polemischen Verhaltens 
mir gegenüber; sein Angriff trägt den Stempel der 
lautern „Wahrheit^S meine Erwiederung den des blossen 
„Hasses^'; bei mir finden sich alle schlechten Geister der 
Polemik beisammen: „die Wortgefechte und Wortkünste, 
der gereizte Ton, die wendungsreiche Dialektik der Ver- 
stimmung, die artigen Versuche der Ironie , der Uebermuth 
der Sprache" u. s. f. ; dagegen waltet in seiner Polemik der 
ruhige und starke Geist der Sachkenntniss, „der milde 
Ausdruck der Wahrheit", der ächte Geist der „Oeschicht- 
schreibung, die für das Urkundliche und Thatsächliche das 
zarteste Gewissen hat und die Verletzung desselben 
mit strengem Namen rügt." (S. 36 und 37.) Diese 
Polemik muss einen wohlthuenden Eindruck machen, 
denn „wo das Strenge mit dem Zarten, wo Starkes 
sich und Mildes paarten, da giebt es einen guten Klang". 
Diese Polemik trifit darum auch nur die Sache und 
nie die Person, sie hat nichts Verletzendes, und wenn 
sie eine schimpfliche Beschuldigung grundlos ausspricht, 
so muss man ihr das nicht übelnehmen, denn es war „ein 
milder Ausdruck der Wahrheit" und zugleich ein strenger 
Richterspruch jenes „zartesten Gewissens für das Urkundliche 
und Thatsächliche." Auch redet sie ja nicht bloss im eigenen 
Namen, sondern im Namen der Geschichtschreibung selbst 
und als Führerin der deutschen Kritik, der sie Signal und 
Vorbild giebt. So sieht der Gegner seine Polemik, ver- 
blendet, wie ich fürchte, durch eine zu grosse Meinung von 
dw Gewicht und dem Machtgebiet seiner Worte. 



75 

6. 
Soll der dargestellte Philosoph lediglich „seine eigene 
Sprache^' reden, so muss man ihn abschreiben, und da diess 
so unmöglich als überflüssig ist, so muss man ihn excer- 
piren, d. h. man muss ihn seine eigene Sprache stückweise 
reden lassen. Er hat nach dem Commandirstock des Dar- 
stellenden jetzt zu reden , jetzt zu schweigen. Nichts aber 
kann einem Philosophen seine eigene Sprache mehr ver- 
kümmern, als wenn eine fremde Hand sie zerstückelt; 
nie redet er weniger, wie er wirklich geredet hat, als 
wenn ein . Anderer nach Gutdünken ihm die Stellen ausrupft 
und zu einer Art Referat zusammenträgt. Ein solches Re- 
ferat kann im günstigsten Fall die Lecture der Schriften 
erleichtem oder bequener machen, in keinem Falle den 
lebendigen Gedankengang des Philosophen selbst darstellen. 
Auch den Vortheil der ersten Art habe ich nie gefunden, 
und so oft ich mir bei den excerpirenden Geschichtschreibem 
habe Rath holen wollen, bin ich allemal leer ausgegangen. 
Für die Darstellung ist das Excerpiren die schlechteste aller 
Methoden, weil es gar keine ist. Zur einleuchtenden 
Wiedergabe eines philosophischen Systems giebt es nur eine 
wahre und "fruchtbare Methode: das ist die umfassende, aus 
dem bewegenden Grundgedanken des Philosophen geschöpfte, 
auf die historisch -kritische Einsicht in den Inhalt und den 
Entwicklungsgang seiner Schriften gegründete Reproduction. 
Es ist auch die einzige Weise, um ins Klare zu kommen, 
wie in dem gegebenen Falle die Aufgaben der Philosophie 
stehen, wie sie gelöst sind, und welche neue Aufgaben 
sie lassen. 

7. 

Ob Herr Trendelenburg meine Arbeiten anerkennt oder 
nicht, kann mir jetzt, nachdem ich die Proben seiner Kritik 



76 

bis auf den Grund kennen gelernt und beleuchtet habe, voll- 
kommen gleichgültig sdn, und er verkennt das Gewicht 
seiner Einwürfe, wenn er meint, dass sie mir „unbequem" 
waren. Wären sie es nur gewesen, so hätte ihre Wider- 
legung wenigstens die Zeit gelohnt, die sie gekostet! Auch 
hält sein Tadel nicht einmal Stand, sondern dreht sich, wie 
vom Winde bewegt. Zuerst sollte meine Darstellung Kant's 
„eine Art congenialer Variationen auf kantische Ge- 
danken enthalten'^ : so tadelten die Beiträge. Jetzt sind diese 
„Variationen" nicht mehr congenial, sie sind es „weder logisch 
noch ethisch" ; so tadelt die Brochüre (S. 35.) Meine Dar- 
stellung ist dieselbe geblieben, wie der Gegner ja selbst 
klagt. Was also ist inzwischen geschehen? Ich habe mir 
die Freiheit genommen, die Einwürfe der Beiträge zu wider- 
legen und in ihrer Nichtigkeit darzuthun. Ich bin also wohl 
ein böser Mann geworden, dessen Variationen nun mit Kant 
nicht mehr „ethisch-congenial" sind. Jetzt wendet sich der 
Wind auf der Seite des Gegners, und jenes leichte und 
bewegliche Ding, das ich für ein Urtheil ansehen soll, flattert 
herum, wie es der Wind treibt. 

Ich weiss nicht, was für eine Sorte Gericht jene „wissen- 
schaftliche Jury" sein soll, von welcher der Gegner schon 
im voraus die Gewissheit hat, dass ihr Urtheil gegen mich 
ausfallen wird, namentlich in Betreff der „tödtlichen qua- 
temio terminorum". Herr Trendelenbui^ kennt auch schon 
den Grund meiner Verurtheilung, und ich wiederhole diesen 
Grund wörtlich, um den Gerichtshof zu charakterisiren, vor 
den er mich stellt. Er sagt: das Urtheil muss wider ihn 
ausfallen „trotz seines Schweigens und gerade wegen 
seines Schweigens". (S. 36.) Diese wissenschaftliche 
Jury also urtheilt: „er hat geschwiegen, darum hat er Un- 
recht!" So urtheilt in der Komödie der Dorfrichter Adam, 
aber in Wirklichkeit kein Richter, der den Namen verdient. 



77 

Nun habe ich auch auf jenen Einwurf nicht mehr geschwie- 
gen. Da aber das Urtheil der trendelenburg'schen „Jury" 
schon im voraus feststeht, so muss ich Unrecht haben auf 
alle Fälle. So urtheilte einst das Scherbengericht, dem der 
Gegner das Täfelchen in die Hand drückte. 

Ich erkame aus dieser Stelle von neuem , wie sehr meinem 
Gegner das Schweigen als ein Kriterium des Unrechts gilt. 
Nicht bloss, dass er für seine Person, der diese Vorstellung 
wohlthut, den schweigenden Gegner für den überwundenen 
ansieht; er spricht es unbefangen aus, dass eine „Jury", 
noch dazu eine „wissenschaftliche" ihn zu verurtheilen habe 
„gerade wegen seines Schweigens." 

Hier ist der Spruch, den diese „wissenschaftliche Jury" 
zu fällen hat: „nach obigen Nachweisen wird es dabei 
bleiben: ein mit Kuno Fischer'schen Vorstellungen ver- 
setzter Kant ist nicht der urkundliche". So schliesst die 
Brochüre. Wie der Titel, so der Schluss. Dieses Urtheil 
sollte affichirt werden, und da es keine Säule dafür gab, 
so wurde die Brochüre geschrieben, um die Stelle der Säule 
zu vertreten. Was aber die „obigen Nachweise" betrifft, 
so war es meine Sache, mit ihnen zu thun, was ich gethan 
habe: es ist nicht ein einziger darunter, der stehen bleibt. 
Wenn nun der Gegner sagt, „er habe die Pflicht, anzu- 
nehmen, dass ich die überführten Stellen berichtigen werde", 
(S. 36), so hätte er zuerst die Pflicht erfüllen sollen zu 
überführen. Eine dieser Stellen nach der Ansicht des 
Gegners „berichtigen", hiesse das Verständniss der kanti- 
schen Lehre und meine Darstellung derselben von Grund 
aus verderben. Was er seine „Ueberführung" oder seine 
„Nachweise" nennt, giebt uns nichts als ein bemerkens- 
werthes Zeugniss , wie es in Deutschland selbst unter Fach- 
gelehrten mit der Kenntniss der kantischen Lehre steht, 
gerade ein Jahrhundert nach ihrer Gründung. 



78 

Ich habe verschmäht, auf das Titelblatt dieser Gegen- 
schrift einen Denkspruch zu setzen; aber ich kenne ein Sprich- 
wort, an das jeder der „obigen Nachweise" mich mehr als ] 
einmal erinnert hat. Das Sprichwort sagt nidit, was man 
thun muss, um ein Philosoph zu werden, aber es sagt, was 
man in gewissen Fällen zu lassen hat, um einer zu bleiben. 



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Weimar. — Hof- Buchdruckerei. 





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Stanford University Libraries 
btanford, California 

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